Neue in den Heights
Washington Heights ist in den Jahren zwischen den Weltkriegen ein nüchterner Zufluchtsort der Hoffnung. Für die Ankömmlinge bleibt das Viertel ein Ort der harten Arbeit, der Armut und einer tiefen Krise der eigenen Identität. Doch hinter der grauen Fassade des Alltags behauptet sich ein zäher Lebenswille. Wer hier bestehen will, darf keine Tätigkeit scheuen. Die Menschen waschen die Böden der Fremden, arbeiten in der Gastronomie oder verdingen sich im Tierheim – das Eingesperrtsein der Tiere ist eine greifbare Parallele zum eigenen Dasein in der Fremde. Erst am Abend, bei starkem Kaffee im Kreis der Familie, weicht die Anspannung einer stillen Vertrautheit. Mitten in diesem Mikrokosmos lebt Egon. In Deutschland war er ein angesehener Augenarzt; hier steht er im weißen Kittel hinter einer Feinkosttheke. Seine Pflicht ist es, der Kundschaft faden Blockkäse zu verkaufen. Cathy, eine stolze Irin, nimmt die Ware nur an, um sie draußen an ihre humpelnde Hündin zu verfüttern. Zwischen dem deutschen Mediziner und der Irin entsteht inmitten von Kriegsangst und Heimweh ein unaufdringliches, festes Band. Die Herkunft bleibt für beide ein ungelöstes Trauma. Egons Mutter Elisabeth kochte einst in Frankfurt Suppe für entlassene Soldaten im Park. Als das Elend so groß wurde, dass die hungernden Männer die Vögel aus den Bäumen jagten und die Vorräte schwanden, verlor sie den Halt und stürzte auf einer dunklen Treppe zu Tode. Auch in New York fordert das Exil seine Opfer. Cathys Ehemann, ein Mafiaboss, versprach ihr einst Wohlstand, hinterließ ihr nach seinem Tod in einem leeren Lagerhaus jedoch nur Schulden und eine leere Wiege. Ein älteres deutsches Juristen-Ehepaar wählt den Freitod durch Veronal, nachdem der Mann wegen mangelnder Englischkenntnisse seine Anstellung in einer Wäscherei verliert. Um die Existenz zu sichern, behandelt Egon samstags heimlich kranke Haustiere in seiner Wohnung; Cathy assistiert ihm dabei. Ein Zeitungsbericht macht die illegale Praxis öffentlich. Die kleptomanische Freundin seiner Cousine nutzt diese Enthüllung als Werkzeug für ihre Rache nach einer Abfuhr: Sie schwärzt den Arzt bei der Einwanderungsbehörde an. In seiner Angst klammert sich Egon an das Glasauge seiner Mutter – ein Erbstück, das ihn an die Lehre erinnert, die Welt trotz der Finsternis mit klarem, besonnenem Blick zu betrachten. Eine diskrete Kette der Solidarität rettet ihn. Cathy erwirkt über eine einflussreiche Stammkundin aus dem Club Blue Moon einen Brief an Franklin D. Roosevelt. Der Präsident greift ohne Aufsehen ein, und Egon erhält das Bleiberecht. Kurz darauf erbt er das bescheidene Vermögen des verstorbenen Juristen-Ehepaars. Es ermöglicht ihm das Studium der Tiermedizin, das er in den Räumen eines stillgelegten Schwimmbads absolviert. Am Ende siegen Pragmatismus und ein leiser Humor. Als Egons Hund stirbt, begräbt Cathys Bruder, ein Polizist, das Tier pflichtvergessen, aber kameradschaftlich in der Nacht im Park. In den Mietskasernen vertreibt man die Einsamkeit bei Kaffee und Kuchen; am Sonntag genügt ein gemeinsamer Schaufensterbummel als Illusion von Freiheit. Walter notiert diese Protokolle des Überlebens für die Exil-Zeitung Aufbau. Die Menschen betrachten ihre Narben, akzeptieren ihr Leben und kommen an. Ein kühler Wind und die herbstliche Sonne liegen über der Stadt, während draußen Kinder spielen und die Melodien jiddischer Lieder summen.