Eine Heimat in der Fremde
Siehst du, mein Junge, wenn ich heute aus dem Fenster auf den Park blicke, dann sehe ich das Viertel wieder so vor mir, wie es damals war, als deine Eltern hier als Kinder über die Gehwege rannten. Es war eine ganz besondere, aber auch eine schwere Zeit für uns alte Leute, denn wir waren damals schon viel älter als die meisten amerikanischen Eltern um uns herum. Weißt du, durch die Flucht aus Deutschland und die langen Jahre der Not hatten wir alle erst sehr spät geheiratet, sodass zwischen uns und unseren Kindern oft vierzig Jahre Altersunterschied lagen; wir waren eine Generation von alten Eltern mit sehr späten Kindern. Wir lebten hier oben auf den Hügeln in unseren sauberen, engen Wohnungen, umgeben von den geretteten Biedermeiermöbeln aus der Heimat, und wir hielten streng auf Zucht, Anstand und gute Manieren. Wir sprachen auf der Straße, beim Einkaufen beim Metzger und am Kaffeetisch nur Deutsch, und am Samstag in der Synagoge erwarteten wir von der Jugend die gleiche steife Förmlichkeit, die wir aus unserer alten Heimat kannten. Doch deine Eltern und die anderen Jugendlichen im Viertel wollten davon bald nichts mehr wissen. Sie wuchsen als echte amerikanische Kinder auf, für sie war das Deutsche eine fremde Sprache, die sie nur noch mühsam in der Schule lernten, und es war ihnen manchmal sogar peinlich, wenn wir Alten auf der Straße so laut in unserer Muttersprache plauderten. Sie sehnten sich nach Freiheit, nach moderner Musik und dem amerikanischen Leben, und so brach ein tiefer Riss durch unsere Familien. Sie lehnten die strengen Bräuche und den feierlichen Gesang in den Gottesdiensten ab, und je älter sie wurden, desto mehr drängte es sie fort von uns und unseren alten Geschichten. Es gibt ein kluges jiddisches Sprichwort, das sagt, dass erst die Eltern den Kindern das Reden beibringen und später die Kinder den Eltern das Schweigen lehren; und genau so war es damals mit uns und der deutschen Sprache, die plötzlich verpönt war und über die geschwiegen werden sollte. Zur gleichen Zeit veränderte sich auch das Viertel, viele neue Nachbarn aus dem spanischsprachigen Süden zogen ein, und die jüdische Jugend kehrte diesen Straßen den Rücken, sobald sie verheiratet war, um in die reicheren Vororte zu ziehen. Wir Alten blieben zurück, weil unsere Mieten billig waren und wir die Vertrautheit dieser Häuser brauchten, aber wir gaben nicht auf. Auch im hohen Alter halfen wir in den Schulen, saßen in den Bürgerräten und öffneten unsere Türen für die jüdischen Flüchtlinge, die später aus Russland zu uns kamen. Wir waren eben eine ganz eigene Gemeinschaft, im Herzen immer ein wenig deutsch und im Glauben zutiefst jüdisch, geformt durch ein langes Leben in der Fremde. Doch das Wunderbare an den Generationen ist, dass sich das Rad immer weiterdreht. Deine Eltern wollten damals mit dem Alten brechen, um ihren eigenen Weg zu finden, aber heute, da du erwachsen bist, schließt sich der Kreis. Genau wie viele andere Enkel und Urenkel unserer alten Gemeinschaft zieht es dich heute über den Ozean zurück nach Europa. Was für deine Eltern damals eine Last war, ist für dich heute eine kostbare Suche geworden. Du reist in die Ferne, um die alten Friedhöfe zu besuchen, die Namen an den Häusern zu lesen und die tiefen Wurzeln unserer Familie zu erforschen, damit der Ursprung unserer bürgerlichen Welt nicht verloren geht und du verstehst, wer wir einmal waren, bevor wir hier am Fluss eine neue Heimat fanden.