Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Eine kleine Nachtmusik

Es gibt einen historischen Aufbruch, der uns an Tagen der gesellschaftlichen Abkühlung als leuchtender Wegweiser dienen kann. Es ist die Bewegung jener jungen Menschen, der Wandervögel, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Stecker der ständigen Überreizung ganz real aus der Steckdose zogen. Sie flohen aus den verqualmten Städten und der Enge ihrer Herkunft, nicht um ein neues Land zu erobern oder eine ferne Kolonie zu gründen. Sie wollten im einfachen Wandern, im gemeinsamen Volkslied und in der unmittelbaren Begegnung mit der Natur den Kopf frei bekommen. Sie suchten kein politisches Programm und keine behördlichen Schablonen, sondern die reine gestalterische Freiheit abseits von Herkunft, Ansehen und Besitz. Doch in dieser Bewegung verbirgt sich eine tragische geschichtliche Warnung, denn im Laufe der Jahrzehnte verlor dieser Aufbruch seinen inneren Schwerpunkt. Die verständliche Sehnsucht nach echter Gemeinschaft kippte um in ein verkrampftes Festhalten an starren, unnachgiebigen Grundsätzen, bis die Bewegung in Splittergruppen zerfiel und schließlich im Gleichschritt der Gewaltherrschaft missbraucht und gleichgeschaltet wurde. Wenn wir heute auf unsere Gegenwart blicken, auf dieses von offener Feindseligkeit geprägte Klima, das sich zusehends unversöhnlicher anfühlt, erkennen wir genau diese Erstarrung wieder. Unsere moderne Welt funktioniert oft wie ein riesiger, unbarmherziger Schulhof, auf dem laute Meinungsmacher versuchen, jeden Zweifel und jeden Zwischenton im Keim zu ersticken. Wir haben ein Zusammenleben erschaffen, das im Außen glänzt. Es pflegt den Körper durch eine geplante, gesunde Lebensweise, während es gleichzeitig zulässt, dass das Gemüt durch grassierende Wut, gezielte Falschnachrichten und gemeinsamen Hass chronisch vergiftet wird. Diese permanente Jagd nach Ansehen, das ständige Suchen nach Bedrohungen und das tägliche seelische Kriegsspiel im Innern kosten den menschlichen Körper eine unermessliche Menge an Energie. Aus reiner Erschöpfung und aus der Angst vor dem Alleinesein flüchten die Massen in eine beängstigende Gleichschaltung und in geschlossene Gesinnungsgruppen. Es ist bequemer, ein einfaches Vorurteil zu glauben, als die anstrengende Arbeit des echten, unvoreingenommenen Zuhörens zu leisten. Wir betreiben unsere eigene Selbstzerstörung, weil wir verlernt haben, direkte, ehrliche Aussprachen zu führen, sobald das falsche Vorspielen von Nähe seinen Dienst getan hat. Die moderne Heilkunde zeigt uns heute mit harten, messbaren Zahlen, dass diese Gefühlskälte und die tiefe Spaltung den Körper so real schädigen wie schweres Rauchen, da das Fehlen von mitfühlender Bindung das menschliche Gehirn in einen dauerhaften, gesundheitsschädlichen Alarmzustand versetzt. Gegen diese seelische Erfrierung hilft jedoch kein neues behördliches Raster, sondern ein radikal anderes Verständnis von Widerstandskraft. Es ist das unsterbliche Vermächtnis von acht leisen, unbenannten Vorbildern der jüdischen Geschichte, die inmitten der totalen Zerstörung ihrer Heimat das genaue Gegenteil von Härte und Verfolgung lebten. Eine Überlebende spielte in den Baracken des Gefangenenlagers über einhundert Konzerte auf dem Klavier, um eine schützende Mauer der Kultur um die Seele ihres kleinen Sohnes zu bauen. Ein anderer hielt an der universellen Musik fest und spielte mitten in den Ruinen einer zerstörten Stadt für den Feind, um seine eigene Mitmenschlichkeit zu retten. Ein berühmter Seelenarzt hielt noch im Lager verzweifelte Mitgefangene vom Selbstmord ab, und eine junge Waise widmete ihr späteres Leben der Erforschung von zwischenmenschlicher Nähe, um sie von Scham und Tabus zu befreien. Sie alle begriffen, dass man die Welt nicht heilt, indem man sie von Andersdenkenden säubert, sondern indem man das reale Zusammenleben rettet und sich dem Meinungskrieg verweigert. Europa kennt diese Schauprozesse, dieses Flammeninferno des Wahns, und doch tragen wir am Freitagabend und zum Lichterfest diese kleinen, sanften Kerzen der Erinnerung in den Raum, denn niemand will verbrennen, niemand will im Innern krank werden. Die zwei Zettel in unseren Taschen erinnern uns täglich an die Waage des Lebens, dass die Welt für uns erschaffen wurde, wir im Zorn aber nur Staub und Asche sind. Wir müssen den Stecker im Kleinen ziehen, das verletzende Wort im Streit herunterschlucken, aufhören, in den Nächsten hineinzubeißen wie in Gold, nur um seinen Rang zu prüfen. Wenn wir von hier aus eintausend Jahre weiterreisen, in das ferne Jahr dreitausend, ahne ich, wohin uns dieses kleine, stille Licht heute tragen kann. In eine Welt, die nicht mehr für die rein technische Leistung gebaut ist, sondern für die absolute seelische Sicherheit, wo das Miteinander wieder atmen darf und die Sprache nur noch genutzt wird, um zu verbinden. In diesem Schutz des nackten Lebens, in der Weigerung, bloße Ideen über das atmende Gegenüber zu stellen, und in dem tiefen, einfachen Entschluss, den Stecker zu ziehen und uns ganz real in die Arme zu nehmen, liegt die eigentliche Rettung des Menschen. Sie schenkt uns schon heute ein inneres Gleichgewicht, das uns mit uns selbst und dem Nächsten versöhnt und uns das wahre Gefühl für ein gesundes, würdevolles Handeln zurückgibt, ani ohev otcha, chaver, sot hi hatikvah shelanu.