Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Das Erbe der Maskilim am Hudson

Der Weg der deutschen Juden in die Moderne begann im achtzehnten Jahrhundert mit Moses Mendelssohn, welcher den Glauben mit dem Wissen der neuen Zeit verbinden wollte und dafür die Bibel in ein klares Hochdeutsch übersetzte. Diese Tat öffnete zwar die Tür zur deutschen Kultur, drängte aber das westliche Jiddisch im Alltag zurück, da die Aufklärer das Jiddische oft fälschlicherweise als Hindernis für den gesellschaftlichen Aufstieg ansahen. Trotz dieser kulturellen Anpassung brachte das neunzehnte Jahrhundert harte staatliche Gesetze wie den Heiratsparagraphen im Königreich Bayern, der die Zahl jüdischer Familien an einem Ort streng begrenzte, dadurch viele Familiengründungen verhinderte und so Wellen junger Leute zur unfreiwilligen Auswanderung nach Amerika trieb, bis das Gesetz im Jahr 1861 endlich fiel. Wer in Deutschland blieb, erlebte, wie die einsetzende Industrialisierung die Lebenswelt durch Fabriken und Maschinen veränderte, wodurch die Menschen vom Land in die Städte zogen, die alten Dorfgemeinden verkümmerten und sich das jüdische Leben in Zentren wie Berlin oder eben New York konzentrierte. Diese Ballung in den Städten führte auch zu einer Spaltung des Glaubens, als um 1840 eine Reformbewegung den Gottesdienst mit deutschem Gesang und Orgelspiel modernisierte, woraufhin die Familie Breuer in Frankfurt am Main als Gegenbewegung eine eigene, unabhängige Gemeinschaft gründete, um die alten Speise- und Lebensgesetze streng zu bewahren. Diese mühsam aufgebaute bürgerliche Welt der Jahre zwischen 1900 und 1940 wurde durch den Nationalsozialismus jedoch völlig vernichtet, sodass in den 1930er Jahren viele Betroffene nach New York in das Viertel Washington Heights flüchteten, welches bald Frankfurt am Hudson genannt wurde und bis in die 1990er Jahre die alten Bräuche bewahrte. Der Anfang im Exil war schwer, denn wohlhabende Kaufleute und Gelehrte mussten sich nun mit einfacher Fabrikarbeit, dem Putzen von Wohnungen oder dem Straßenhandel durchschlagen, doch das Gemeinschaftsleben wuchs durch diesen gemeinsamen Kampf rasch wieder zusammen. Genau um die innere Ausrichtung dieses neuen Zuhauses entbrannte bald ein faszinierendes publizistisches Ping-Pong-Spiel zwischen zwei New Yorker Zeitungen, das ein altes jüdisches Sprichwort auf den Punkt bringt: Zwei Juden, drei Meinungen. Auf der einen Seite stand der weltmännische Aufbau aus der Upper West Side, welcher die rasche Amerikanisierung predigte und das laute Debattieren auf Deutsch auf den Straßenecken für eine schlechte Gewohnheit hielt, die das Einleben in Amerika nur behindere. Auf der anderen Seite trat ab 1940 das Konkurrenzblatt The Jewish Way an, um die Ehre der Zuwanderer zu verteidigen, indem es dem Aufbau eine oberflächliche Berliner Dekadenz vorwarf und betonte, dass die Errichtung eigener Schulen und Synagogen unter Rabbiner Joseph Breuer nach strengen Frankfurter Regeln kein Rückschritt, sondern die Rettung der jüdischen Würde sei. Obwohl die Menschen im Viertel den Glauben letztlich sehr unterschiedlich lebten und manche ganz weltlich blieben, hielten fast alle an Pünktlichkeit, bürgerlicher Ordnung und der deutschen Sprache fest, was wiederum zu Konflikten mit den Kindern führte, die schnell Amerikaner werden wollten, während die Alten an der Vergangenheit hingen. Auch das Viertel selbst wandelte sich, als die irischen Nachbarn ab den 1960er Jahren von Einwanderern aus Südamerika abgelöst wurden und viele jüdische Familien im Zuge ihres Aufstiegs weiterzogen, doch das Erbe blieb lebendig. Genau in diesem Streit der Meinungen offenbarte sich das ganze Panorama dieser Epoche: In Deutschland taten die Bürger alles, um sich anzupassen, und legten dafür ihre Sprache ab, doch genau dieses Land vertrieb sie am Ende, woraufhin sie im Exil eisern an genau der Kultur festhielten, aus der sie verjagt worden waren, um ihre Würde zu retten. Auch wenn das geschriebene Jiddisch im neunzehnten Jahrhundert verschwand, überlebte in Washington Heights die eigentliche Jiddischkeit als inneres Fundament und dichte Lebensweise im Gewand deutscher Gründlichkeit, was dem Thema eine bleibende Aktualität für jede moderne Fluchtbewegung verleiht, da es zeigt, wie Integration gelingen kann, ohne die eigene Identität aufzugeben.