Das tragbare Zuhause
Das Date war eine nüchterne Bestandsaufnahme. Der Mann entsprach den äußeren Konventionen der Gesellschaft: Der Anzug saß tadellos, die Zähne zeigten die makellose Symmetrie eines Kaugummiautomaten. Ein Bild von einem Mann. Wir saßen in einem unverschämt teuren Restaurant. Ich wartete auf das Dessert, doch er servierte mir zum Hauptgang einen stundenlangen Vortrag über jüdische Zeitgeschichte. Er dozierte ohne Pause, während ich schweigend an meinem Weißwein nippte. Doch als der erste Schock vorüber war und er den akademischen Ton ablegte, kam eine Chronik zum Vorschein, die so voller Stolz und Mut war, dass sie mich tief erreichte. Er erklärte mir, im Grunde drehe sich alles um eine sachliche Frage: Was tut ein Mensch mit seiner Muttersprache – mit diesem lebendigen Mame-Loshn –, wenn die eigene Existenz in Trümmer sinkt und eine Übermacht versucht, ihn auszulöschen? Historiker berichten meist nur von Landkarten, Generälen und Staatslenkern. Die Wirklichkeit lag jedoch auf den harten Straßen, in den Hinterhöfen und auf den abgetretenen Schwellen der Mietskasernen. Er führte mich im Geist nach Berlin, in das Scheunenviertel der Zwischenkriegszeit. Dorthin strömten damals Millionen verarmter, jiddischsprachiger Juden auf der Flucht vor den Pogromen im Osten. Sie lebten auf engstem Raum, während die bürgerliche Gesellschaft im Westen der Stadt distanziert auf sie herab sah. Die Literatur der Epoche tat das Viertel oft als kriminellen Sumpf ab. Doch die handgeschriebenen Polizeibücher jener Jahre zeichnen ein anderes Bild: Es waren vor allem die ostjüdischen Frauen und ihre Kinder, die den Alltag des Viertels trugen. Wenn die engen Wohnungen im Winter eiskalt wurden, machten diese Frauen die Treppenstufen zum kollektiven Aufenthaltsort. Dort verteilten sie Brot, gaben einander Halt und organisierten ein präzises Frühwarnsystem. Sie beobachteten das Pflaster genau und warnten die Nachbarschaft, noch bevor die Schritte der Polizei die Straße blockierten. Das war gelebte Solidarität auf nacktem Asphalt. Ich hörte ihm mit erhobener Gabel zu. Er erzählte, wie die Menschen jede noch so kleine Nische nutzten, um Widerstand zu leisten. Da war jener Berliner Polizeichef, der in der Pogromnacht die SA-Schlägertrupps von der Neuen Synagoge verjagte. Nicht mit Worten der Bitte, sondern mit dem preußischen Denkmalschutzgesetz. Er nutzte die staatliche Bürokratie als Schild gegen die Zerstörungwut. Oder der Bürstenfabrikant Otto Weidt, der in einem Hinterhof einen wehrwichtigen Betrieb leitete. Er machte sich für die Wehrmacht unentbehrlich und nutzte diesen Hebel, um unter den Augen der Gestapo Dutzende blinde und gehörlose jüdische Menschen zu verstecken, zu ernähren und durchzubringen. Diese unbeugsame Kraft wanderte schließlich über den Atlantik nach New York – an die Zielstation Washington Heights und in die Lower East Side. Die Geflüchteten kamen mittellos an und landeten in den staubigen Textilfabriken. Hochgebildete Akademiker standen als einfache Angestellte hinter den Deli-Theken und schnitten profane Käseblöcke. Ein schmerzhafter sozialer Absturz, doch sie kapitulierten nicht. Sie organisierten sich in Gewerkschaften, streikten für den Sabbat und bauten eigene Schulen und Bibliotheken. Der Klebstoff dieser zersplitterten Welt war das Jiddische. Die vertrauten Worte, der Geruch von frischem Apfelkuchen und sauren Gurken aus dem Holzfass bildeten ein tragbares Zuhause, ein unbezwingbares psychologisches Heimatland. Man kann einem Menschen sein Haus und sein Geschäft nehmen, aber seine Worte lassen sich nicht in Ketten legen. Die Bilanz des Abends erreichte ihren Höhepunkt bei einer Schilderung aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Er sprach von den Schwestern Lin und Janny Brilleslijper. Sie hatten im besetzten Holland ein Holzhaus im Wald als Versteck genutzt und dort gegen das Verbot Konzerte organisiert, um den Menschen im Untergrund die Würde zu bewahren. Nach ihrer Deportation standen diese erschöpften Frauen nackt in einem engen Kreis mitten im Grauen des Lageralltags und sangen zusammen jiddische Lieder. Die Wissenschaft nennt dies heute ontologische Insularität. Praktisch bedeutet es: Sie bauten sich mit den Melodien ihrer Vorfahren eine unsichtbare, unantastbare Festung um ihre Seelen. Die Mörder konnten den Körper brechen, doch indem die Frauen den Lager-Jargon akustisch aussperrten und sich in den Klang ihrer Sprache hüllten, verloren die Aufseher jeden Zugriff auf ihren Geist. Sie blieben aufrecht, weil sie sangen. Als er endete, dachte ich: Wahrer Widerstand entsteht nie durch erzwungene Konformität oder die Auslöschung der Identität. Er entsteht dort, wo man den Menschen den Raum lässt, sie selbst zu sein. Wenn unsere Leute durch die schiere Kraft ihrer Worte, durch Chuzpe und Solidarität die Sweatshops, die Gestapo und die schwärzesten Epochen überstanden haben, dann bewältige ich auch das Chaos in meinem eigenen Alltag. Das Ende des Abends verlief nach den Gesetzen der Realität. Der Kellner brachte eine astronomische Rechnung. Mein Begleiter griff nach seiner Brieftasche, blickte mich tiefsinnig an und schlug vor, den Betrag zu teilen. Da erklärte ich ihm, ganz ohne Professoren-Slang, aber mit angemessener Chuzpe, dass meine Vorfahren die Ausbeutung in den Textilfabriken nicht bekämpft haben, damit ich bei einem ersten Date mein Dessert selbst bezahle. Ich nahm meine Handtasche und ging. Das ist die sachliche Sichtweise aus Queens. Bleib gesund!