Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Unlösbar verbunden

Ein altes jüdisches Sprichwort sagt, dass man von der Vergangenheit das Feuer bewahren soll, nicht die Asche. Doch wer den Trümmern der Heimat entkommen ist, spürt täglich die Schwere, die in diesen Worten liegt. Die von Fred Behrend und Larry Hanover erzählte Lebensgeschichte, begleitet von Hasia R. Diner und Dr. Ruth Karola Westheimer, führt von der Vertreibung aus Deutschland über das Konzentrationslager Sachsenhausen und das Exil in Kuba bis nach Manhattan. In der Sicherheit der neuen Fremde bauten die Überlebenden eine neue Existenz auf. Sie gründeten Familien, nutzten ihre Chancen und kamen abends bei Kaffee und Abendessen zusammen. An diesen Tischen sparte man das Vergangene mit einer fast eisernen Disziplin aus. Man sprach lieber über die Zukunft und die kleinen Freuden des Alltags, während man jedes Detail der Flucht und die Namen der Verlorenen verschwieg. Dieses Schweigen war kein Vergessen, sondern der tägliche, zähe Kampf um ein normales Leben. Denn mit den eigenen Wurzeln lässt sich nicht abschließen. In jedem glücklichen Moment in Amerika mischte sich die unheilbare Sehnsucht nach den Straßen der Kindheit und die Trauer um die Menschen, die ermordet wurden oder im Krieg verschollen blieben. In diesem ständigen Zwiespalt half der jüdische Humor, der fest in der Tora verwurzelt ist, als schützender Schild. Es war jener Geist, den schon der Kölner Lehrer säte, als er dem Jungen beim Tragen der schweren Tora-Rolle augenzwinkernd raunte, dass ein starkes Fundament eben auch starke Arme braucht. Dieses Lachen war nicht laut, sondern die einzige Möglichkeit, das Schicksal zu akzeptieren und der Welt mit Würde zu begegnen. Mit diesen unsichtbaren Narben musste man fortan leben. Wenn Fred Behrend später vor amerikanischen Schulkindern sprach, tat er dies, damit die Jugend erfährt, wie tief die Scherben der Gewalt im Inneren weiterbrennen, selbst wenn längst Frieden herrscht. Das späte Wunder im Jahr 2018, als Behrend bei einem dieser Vorträge nach genau achtzig Jahren Trennung telefonisch mit seinem totgeglaubten Kindheitsfreund Heinz Baum wiedervereint wurde, holte die alte Heimat mit einem Schlag zurück. Es bewies, dass die eigene Identität unzerstörbar bleibt. Doch es zeigte auch, dass die Hoffnung uns zwar in die Zukunft trägt, man im Hier und Jetzt aber nie wieder vollkommen heil wird. Man findet in der Fremde Wohlstand und Sicherheit, doch die Sehnsucht nach dem, was unwiederbringlich verloren ist, bleibt eine Last bis zum letzten Atemzug.