Eine Schwertkante teilen: Schalom Bajit und La’da’at
Das tägliche Leben führt immer wieder schmerzhaft vor Augen, dass unkontrollierte Leidenschaften und partnerschaftliche Konflikte in schwere Verbrechen münden und ganze Existenzen zerrütten können. Dieser moralischen Gefahren war sich die Menschheit schon seit ihren frühesten Anfängen bewusst. Während die Menschen ganz am Anfang noch in einer unberührten, friedlichen Welt lebten und sich rein pflanzlich ernährten, änderte sich diese Natur nach der großen Flut grundlegend. Die körperliche Triebkraft kannte in ihren Verirrungen kaum noch Grenzen; sie führt bis heute zu tiefen gesellschaftlichen Brüchen sowie zur Zerstörung von Familien. Demgegenüber steht die Ehe als ein schützender Raum, der dem Verlangen einen sicheren und heilsamen Rahmen gibt. Innerhalb dieses Modells ist eine klare Lebensordnung festgelegt: Der Mann führt die Partnerschaft aktiv sowie verantwortungsvoll, während die Partnerin diese Führung bewusst, gemeinschaftlich und in harmonischer Bereitschaft annimmt. Die Erschaffung der Frau aus der Rippe des Mannes – die in der Tradition als ein unversehrter, geschützter Teil des Körpers verstanden wird – begründet eine Gemeinschaft, die jene Einsamkeit überwinden soll. Denn für den Menschen ist es laut den alten Schriften einfach kein Vergnügen und nicht gut, allein zu sein. Für dieses verlässliche Lebensmodell besitzt das eheliche Bett dieselbe Würde und Bedeutung wie der Ort des Gebets. Hier gilt das Gesetz der absoluten Gegenseitigkeit: Das Verlangen gehört dem Partner, ebenso wie die körperliche Wirklichkeit einer Schwangerschaft und die Mühen der Geburt, die von beiden Seiten gemeinsam getragen werden. In dieser Lebensweise wird die Körperlichkeit mit bemerkenswerter Offenheit und Sachlichkeit behandelt. Obwohl stets die Mahnung galt, die primäre Kraft dem geistigen Studium der Lehre zu widmen, wurde die Sexualität nie totgeschwiegen, sondern als eine lebenswichtige Funktion anerkannt. Wie unbefangen man über diese Anziehung sprach, zeigt sich in einer überlieferten Frage des alten Lehrers Eliezer, ob ein bestimmter rechtschaffener Mann Nachkommen hinterlassen habe. Die Antwort lautete, dass selbst die käuflichen Frauen, die sonst von jedem nur zwei Münzen verlangen, diesem außergewöhnlich schönen Mann freiwillig acht Münzen bezahlten, um in seiner Nähe zu sein. Diese fast magische Anziehungskraft der Schönheit spiegelt sich auch in den alten psychologischen Beobachtungen wider. Nach diesen konnte das bloße, doppelte Aussprechen des Namens der schönen Rahav eine sofortige, intensive Erregung in Geist und Körper des Mannes auslösen. Dennoch war das geordnete Gefüge stets darauf bedacht, diese körperliche Kraft mit viel Chochme weise zu lenken, damit die väterliche Stärke der Lehre und die Schönheit der eigenen Ehefrau gehört. Aus diesem Grund gehört der Tag der Arbeit und der Fürsorge für die Familie, während die Nacht den Raum für das vertraute Gespräch der Eheleute öffnet. Ein funktionierendes Intimleben bildet somit die feste Basis für den häuslichen Frieden, den Schalom Bajit. Die Weisheit der Gelehrten fasste diese enge Verknüpfung von Nähe und Raum in einem bekannten Sprichwort zusammen, das die Waagschale zwischen Liebe und Entfremdung sehr bildhaft auf den Punkt bringt: „Wenn unsere Liebe stark war, konnten wir auf der Kante eines Schwertes nebeneinander liegen. Jetzt, da unsere Liebe nicht mehr stark ist, ist ein Bett von sechzig Ellen nicht mehr groß genug.“ Wo diese feine Balance durch Entfremdung oder Untreue gestört wird, droht sogleich das persönliche Unglück. Das zeigt das traurige Beispiel der klugen Bruria, die nach einer Verführung aus Scham freiwillig aus dem Leben schied. Das Zusammenleben verlangt daher Vorsorge, gegenseitige Aufklärung und eine aktive Annäherung, wozu schon ein kurzer, gezielter Blick oder ein aufmerksames Werben dienen können. Besonders an Festtagen und in Zeiten der Ferien haben die Partner die ausdrückliche Erlaubnis und den Freiraum, einander aktiv zu verführen und die Nähe zu suchen, da diese Phasen ganz der Freude und Erholung gewidmet sind. Bestes Beispiel hierfür ist das Sommerfest am fünfzehnten Tag des Monats Av, an dem das Tanzen und Betören in schlichten weißen Gewändern Tradition hat, um die Menschen zum gemeinsamen Leben zusammenzubringen und sie in Zeiten der Ruhe gezielt zueinander zu führen. Eine ebenso grundlegende Rolle nimmt hierbei das große Versöhnungsfest Jom Kippur am zehnten Tag des Monats Tischri ein. Als Tag der totalen Umkehr ermöglicht es, alle zwischenmenschlichen und religiösen Verfehlungen miteinander vollkommen zu bereinigen. In der Vergebung erlangt der Mensch seine ursprüngliche Würde zurück und tritt geläutert in einen Zustand der Gnade, der auch der Partnerschaft frische Kraft für einen Neuanfang schenkt. Die Durchführung des intimen Umgangs gilt folglich als fester Bestandteil der Erziehung, weshalb in den alten Schriften kein Hehl daraus gemacht wird, dass auch der Körper des Mannes eine tragende Rolle für die Harmonie besitzt. So bezeichnete ein Gelehrter das männliche Glied in einer Abhandlung sehr anschaulich als den großen Friedensstifter des Hauses, da die körperliche Vereinigung imstande ist, Zwistigkeiten beizulegen. Ein überliefertes Protokoll berichtet folgerichtig von dem Schüler Kahana, der sich im Schlafzimmer seines Lehrers versteckte, um dessen intimen Umgang im Sinne des tiefen, ehelichen Erkennens zu studieren. Auf den entsetzten Vorwurf des Lehrers, ob dies das angemessene Verhalten für einen Schüler sei, erwiderte er ganz sachlich, dass es sich um eine wichtige Lebensregel handle, die er erlernen müsse. Aus diesen Berichten geht unmissverständlich hervor, dass das gemeinsame Intimleben eine bewusste Vorbereitung erfordert. Es ist eine absolute Notwendigkeit, sanft, behutsam und mit lieben, zugewandten Worten in den Moment einzusteigen, um emotionale Sicherheit sowie gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Ganz im Sinne der traditionellen Lebensweisheit, dass behutsame Zuwendung und echte Zuneigung stets mehr bewirken als plumpe, fordernde Erwartungen, verlangt das traditionelle Verständnis hier tiefes Feingefühl. Deshalb sehen die alten Regeln im Orgasmus der Frau kein bloßes Zugeständnis, sondern ein festes, verbrieftes Recht innerhalb der Ehe und lehnen eine erzwungene Enthaltsamkeit als ungesund ab. Alte Schriften aus dem Mittelalter erlauben ausdrücklich zärtliche Variationen, Stellungswechsel und das Erkunden des Körpers, um die Leidenschaft lebendig zu halten. Sie sprechen die Empfehlung aus, den intimen Umgang regelmäßig abwechslungsreich zu gestalten, um einer emotionalen Abnutzung vorzubeugen. Damit verbindet diese Lebensweise das Irdische mit einer höheren Ordnung und begreift die alten Bücher als ein praxisorientiertes Handbuch für das menschliche Zusammenleben. Hierin liegen der eigentliche Kern und die inhärente Modernität dieser Jahrtausende alten Lehren: Sie heben die Trennung zwischen Geist und Körper radikal auf und zeigen eine Beziehung als eine fortlaufende, bewusste Gestaltungsarbeit. Gerade in einer Gegenwart, die in Fragen der Intimität oft durch den massiven Leistungsdruck von sexuell explizitem Material und unrealistischen Erwartungen geprägt ist, bietet dieser Ansatz einen heilsamen Gegenentwurf. Er rückt die seelische Sicherheit, das feinfühlige Miteinander und das gegenseitige Reden über Wünsche in den Vordergrund, statt Intimität auf eine bloße mechanische Funktion zu reduzieren. Diese zeitlosen Prinzipien besitzen in der heutigen Realität eine unveränderte Gültigkeit und prägen das jüdische Eheleben weiterhin maßgeblich. Im orthodoxen Lebenskreis bleibt das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung ein fester, einklagbarer Bestandteil jedes Vertrages, während zeitgenössische Rabbiner detailreiche Bücher veröffentlichen, um Paaren zu einem erfüllten Intimleben zu verhelfen. Eine besondere zeitliche Dynamik entfalten dabei die Regeln zur regelmäßigen Enthaltung während und nach der monatlichen Natur der Frau, da diese bewusste Phase der Distanz von vielen Paaren als ein wirksamer, natürlicher Schutz vor jener gefürchteten emotionalen Abnutzung erlebt wird. In der modernen, liberalen Welt werden diese alten Lehren zudem zeitgemäß interpretiert, indem die traditionelle Rollenverteilung durch absolute Gleichberechtigung ersetzt wird, während der Kern der Botschaft unberührt bleibt. Während andere Denkweisen die Sexualität oft als niederen Trieb abwerten oder das Gute in weltfremder Enthaltsamkeit suchen, wird das Körperliche hier geradezu gefeiert und zu einer sehr hohen Stufe der Spiritualität erhoben, bei der das Gefühl einer höheren Gegenwart direkt auf dem Bett der Liebenden ruht. Diese Haltung passt perfekt zum jüdischen Denken als einer dem Diesseits zugewandten Lebensweise, die die reale Welt nicht flieht, sondern durch das tägliche Handeln im Alltag heiligt. Das Streben nach dem Guten und die Abkehr vom Zerstörerischen vollziehen sich im ganz normalen Leben. Die Fragen nach gelungener Kommunikation im Schlafzimmer, nach der Überwindung von Scham und dem Schutz vor emotionaler Abnutzung durch aktive Beziehungsarbeit sind somit heute für moderne Paare genauso aktuell und lebensnah wie in den vergangenen Zeiten, weshalb am heutigen Versöhnungsfest ein altes traditionelles Leitwort den vollkommenen Schlussstein setzt: „Öffne mir ein Tor, so groß wie das Öhr einer Nadel, und ich werde dir ein Tor öffnen, durch das Wagen und Kolonnen passen.“