Das eigene Spiel
Es begann alles damit, dass die beste Ehefrau von allen meine zweiundzwanzig Seiten umfassenden Notizen mit einem einzigen, brennenden Blick strafte, das Buch von Mirjam Pressler mit einem vernehmlichen Knall schloss und trocken verkündete, dass diese reine Theorie kein Mensch lesen wolle, weil das einzig wahre Drama darin bestehe, dass ein jüdischer Durchschnittsmann statistisch überhaupt nicht existieren könne, ohne dass der Zentralcomputer des Bundesamtes augenblicklich unter lautem Zischen explodiere. Denn man versuche nur einmal, einen ultraorthodoxen Antwerpener Diamantenhändler, der aus purer Skepsis gegenüber der Halacha selbst seiner eigenen Zahnbürste misstraut, mit einem israelischen Panzer-Unternehmer zu kreuzen, der im Wehrdienst gelernt hat, Kettenfahrzeuge mit bloßen Händen zu zerlegen, und setze diese Mischung dann in ein Berliner Café neben einen säkularen Intellektuellen, der beim Anblick eines herabfallenden Blattes eine dreistündige, akute Existenzkrise erleidet, was im Gastgewerbe unweigerlich zu vier völlig verschiedenen Meinungen, zwei neuen Parteigründungen und einer eiskalten Schüssel Hühnersuppe führt. Genau in diesem Moment brach mein treuer Freund, der amtliche Vermittler, völlig erschöpft auf unserem Sofa zusammen und schrie in den Raum, dass seine Existenz vernichtet sei, weil das Heirats-System unbarmherzig das Klischee eines perfekten Nice Jewish Boy mit Medizinstudium, drei Sprachen und dem pünktlichen Fünf-Uhr-Anruf bei der Mama verlange, während die biologische Realität der nachfolgenden Generation im Hip-Hop-Outfit und Turnschuhen auf dem Sofa sitze, um ihre Komplexe in einem unvollendeten, unlesbaren Roman zu verarbeiten, kurzum: eine wandelnde Familienkatastrophe auf zwei Beinen. Weil ihr Männer euch wie gewohnt nur um eure eigenen, maßlos übertriebenen Neurosen dreht und jammert, während die jüdische Frau das echte Leben anpackt und die Familie ernährt, unterbrach uns die beste Ehefrau von allen und hielt uns vor, dass diese Jahrhundert-Frau nach einer beschädigten Kindheit ohne elterliche Nähe, einem Kibbuz-Jahr, drei Töchtern namens Ronit, Gila und Tall sowie einer prompten Scheidung im Jahre siebzig ganz allein dastand, ohne jemals im Café zu sitzen und zu jammern. Stattdessen fuhr sie stur Taxi, betrieb acht Jahre lang einen Münchner Jeansladen und fing erst mit neununddreißig Jahren aus nackter Geldnot an, ihre eigene, berühmt gewordene Bitterschokolade niederzuschreiben, wodurch das Schreiben zu ihrem Überlebenswerkzeug und einer reinen Notwendigkeit wurde. Sie hat fünfhundert Bücher übersetzt, darunter Amos Oz und die Tagebücher der Anne Frank, womit sie das Leben übersetzte, während die Männer noch hysterisch über die Grammatik streiten. Aus der dunkelsten Vorratskammer, dort wo die getrockneten Chilis lagerten, erhob sich plötzlich eine leise, schneidende Stimme, die die Luft in der Küche gefrieren ließ, weil man das Chaos in sich und um sich herum ordnen müsse und das Schreiben kein Spiel, sondern eine Notwendigkeit wie das Atmen sei, denn wer eine beschädigte Kindheit habe, trage Wunden, die man nicht verstecken, sondern ganz kühl, ganz karg und ohne Mitleid zu erteilen aussprechen müsse, da nur derjenige, der die Dinge beim Namen nennt, sie auch überleben kann. Diese Worte standen wie Granit im Raum, was meine Frau sofort nutzte, um uns lautstark daran zu erinnern, dass diese wehrhafte Wahrheit schon im jiddischen Theater der wilden zwanziger Jahre Tradition hatte, als Ikonen wie Molly Picon frech in die Hosen eines Gassenjungen schlüpften oder Pepi Littman im chassidischen Männerrock bittere Satiren sangen, um den starren Erwartungen der Gesellschaft eine lange Nase zu drehen und das ganze Leben zu einem furchtlosen Purim-Spiel zu erklären, bei dem man die Masken wechselt und die Angst einfach weg lacht. Und als ob dieses Schlamassel nicht schon reichte, stürmte in diesem Moment die junge Julia in die Küche, die sich um den jüdischen Erwartungsdruck einen feuchten Kehricht scherte, theatralisch deklamierte, dass es eben nicht die Nachtigall, sondern die Lärche gewesen sei, und uns mit einem so unbändigen, leuchtenden Funkeln in den Augen gestand, dass sie unbeschwert mit dem vermeintlich falschen Partner flirtete, dass mir augenblicklich das Herz bis zum Halse raste und der Heiratsvermittler endgültig in den Zustand des akuten Haarraufens getrieben wurde, weil diese moderne Shakespeare-Romanze in seiner Kartei beim besten Willen nicht vorgesehen war. Die Küchentür flog endgültig aus den Angeln, als die Großmutter den Raum betrat, ihre Brille zurechtrückte und im Tonfall eines talmudischen Hohengerichts verkündete, dass diese Welt laut den Weisen nur eine Vorhalle sei, auf deren Bühne Gott uns zwar die Last, aber gefälligst auch die Schultern gegeben habe, weshalb das Jammern ab sofort gesetzlich verboten gehöre. Manche Schultern tragen eben ein sephardisches Ladino-Lied im Herzen, crystalline Klarheit im Blick, andere tauschen wie Molly Picon im Charleston-Takt die Hosen, junge Mädchen inszenieren ihr eigenes, wildes Shakespeare-Schlamassel und Frauen wie Pressler nutzen das Schreiben als scharfes Messer gegen die Krise, konterte die beste Ehefrau von allen ungerührt, während sie meine zitternden Hände mit roher, liebevoller Gewalt auf die Tasten der Schreibmaschine drückte, die mitten zwischen den Chilitöpfen stand. Sie erinnerte an Rabbi Susja und daran, dass im Himmel niemand fragen wird, warum wir nicht wie Moses waren, sondern warum wir nicht unsere eigene Position ausgefüllt und besetzt haben, weshalb ich gefälligst die Masken ablegen und tippen solle, bis die Tasten glühen, da das Schreiben meine einzige gottgegebene Aufgabe sei und ihre mühsam gekochte Schokolade auf dem Herd sonst endgültig zu einem bitteren, ungenießbaren Block gefriere, während wir alle im tiefsten Inneren begreifen, dass es bei all diesem unbarmherzigen Theater, den vertriebenen Fehlerteufeln und den explodierenden Systemen im Kern um absolut gar nichts anderes als um die Liebe geht, weil diese Liebe eben keine weichgespülte Statistik verträgt, sondern mit roher, furchtloser Gewalt hereinbricht, um uns die fremden Masken vom Gesicht zu reißen, und für Frauen dieser Statur ein normierter Durchschnittsmann niemals ein süßer Luxus sein könnte, sondern der Mensch einen wahren Chaver an seiner Seite braucht – einen souveränen Gefährten auf Augenhöhe, der die Brüche der Vergangenheit ohne falsches Mitleid aushält, der furchtlos im Purim-Spiel der Identitäten mitspielt und die verstellungsfreie Heimishkeit hütet, an dessen Tisch man sich im Duft von frisch gebackenem Brot und cremigem Hummus zusammensetzt, damit beide im ungezähmten, eigenen Spiel die Freiheit finden und die Hühnersuppe niemals kalt wird.