Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Andrées Wohnung

In Julio Cortázars surrealistischer Erzählung „Brief an ein Fräulein in Paris“ verfasst ein namenloser Übersetzer einen Abschiedsbrief an seine Bekannte Andrée. Während ihres Aufenthalts in Paris bewohnt er ihre peinlich ordentliche Wohnung im neunten Stock eines Hauses in Buenos Aires. Er fühlt sich von der starren, makellosen Struktur der Räume zunehmend erdrückt und isoliert sich von der Außenwelt. Er wimmelt Freunde ab, schützt Arbeit vor und versucht verzweifelt, seinen Alltag so anzupassen, dass die tagsüber anwesende Haushälterin Sarah nichts von seinem bizarren Zustand bemerkt. Dieses Geheimnis beginnt bereits am Tag seines Einzugs: Im Aufzug zwischen dem ersten und zweiten Stock erleidet er einen Anfall und erbricht ein kleines, lebendiges Kaninchen. Was früher nur selten geschah, wird in Andrées Wohnung zur unkontrollierbaren Manie. Er bringt fortlaufend weitere Tiere in verschiedenen Farben hervor – weiße, schwarze und graue. Tagsüber sperrt er die Mitbewohner in den Kleiderschrank, nachts jedoch verwüsten sie die Wohnung. Obwohl er sie anfangs wegen ihres weichen Fells liebt, wächst ihm die Situation über den Kopf. Er verbringt die Nächte schlaflos damit, den zerstörten Hausrat mühsam zu reparieren. Als schließlich das elfte Kaninchen zur Welt kommt, bricht die fragile Ordnung endgültig zusammen. Er erkennt, dass nach dem elften unweigerlich das zwölfte folgen wird. Um die unaufhaltsame Vermehrung zu stoppen, zieht er am frühen Morgen die Reißleine: Er wirft die elf Kaninchen vom Balkon in die Tiefe und stürzt sich direkt hinterher. Die Geschichte endet nicht offen, sondern mit dem Suizid des Protagonisten. Auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Haus hinterlässt er eine Tragödie von exakt zwölf Toten – elf Kaninchen und seinen eigenen Körper –, die von der Haushälterin Sarah und den ersten Schulkindern am Morgen aufgefunden werden.