Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Eine Geschichte, die man damals nicht hören wollte

Wenn man heute versucht, sich an jene Zeit zu erinnern, beginnt alles im Jahr 1940. Nach einer kurzen Evakuierung kehrte die Familie in ihr Haus in Amersfoort zurück. Sie sehnten sich nach einer Normalität, die es bald nicht mehr geben sollte. Es war Sederabend. Alles lag in einer vertrauten, fast schmerzhaften Stille. Die Kerzen brannten ruhig. Der Vater Salomon bereitete mit sorgsamer Hingabe das Pessach-Mahl vor. Er las aus der Haggada und verteilte die bitteren Kräuter – den scharfen Meerrettich und den blassen Lattich, den man auf Hebräisch Maror nennt. Ihr Bruder David, der so gerne lachte, tat die Gefahr mit einem leichten Scherz ab. Im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert sei man doch vollkommen sicher, beteuerte er. Vater Salomon nickte schweigend. Er erklärte den bitteren Geschmack auf der Zunge als bloße Erinnerung an das historische Leid und die Vertreibung aus Ägypten. Er ahnte nicht, wie nah die Bitterkeit ihrer eigenen Zukunft bereits war. Das Unrecht kam nicht mit lautem Getöse. Es kam ganz leise, fast bürokratisch, und legte sich wie eine Lähmung über den Alltag der jüdischen Bürger. Man verbot ihnen das Radiohören. Sie mussten ihre Fahrräder abgeben und durften nur noch vereinzelte Straßen der Stadt betreten. Eines Tages brachte Vater Salomon eine Packung gelber Davidsterne mit der schwarzen Aufschrift Jood nach Hause. Sie mussten im Austausch gegen Textilgutscheine gekauft werden. Der praktische Bruder David schlug vor, die Sterne mit Druckknöpfen zu befestigen, um sie flexibel an den Mänteln zu wechseln. Doch die Mutter Grietje, die sehr auf Ordnung bedacht war, untersagte es streng. So saßen sie gemeinsam am Tisch, und Grietje nähte die gelben Flecken fest. Es war eine alltägliche, fast gemütliche Arbeit, sorgfältig und schweigend ausgeführt wie das Stopfen einer alten Socke. Wenig später zwang eine neue Verordnung alle Menschen über fünfzig Jahre, ihre Heimat zu verlassen. Die alternden Eltern mussten nach Amsterdam in das jüdische Viertel umsiedeln. Dort bezogen sie ein großes, düsteres Haus in der Sarphatistraat – einer Straße, die nach einem sephardisch-jüdischen Arzt benannt ist, dessen Name sich historisch vom hebräischen Wort Zarephat ableitet. Der Vater beschrieb die Umgebung in seinen Briefen wie eine vertraute Gemeinschaft. Zeitgleich wurden immer mehr jüdische Bürger aus den Nachbarhäusern weggeholt. Bruder David und seine Frau Lotte machten sich in ihrer Verzweiflung mit Medikamenten krank, um im Krankenhaus den Razzien zu entkommen. Im April 1943 brach diese Welt endgültig zusammen. Die deutsche Polizei umstellte das Amsterdamer Haus. Im Moment des Zugriffs riefen die Eltern ihrer Tochter zu, sie solle fliehen. Das Mädchen entkam durch die Hintertür in den grünen Garten. Ihre Schwester Bettie, ihr Bruder David und die Eltern Salomon und Grietje wurden fortgebracht. Sie kehrten nie wieder. Unter Schock lief sie durch die Straßen und stieg ziellos in eine Straßenbahn. Ihr Verstand war unfähig, das Entsetzliche zu begreifen, und klammerte sich an winzige Alltagsdetails. Mitten in der Fahrt stellte sie plötzlich fest, dass ihre Handtasche noch zu Hause lag. Sie beobachtete das Wetter am Fenster, die Bewegungen der Menschen und las konzentriert die Schilder der vorbeiziehenden Haltestellen ab – ein verzweifeltes Vortäuschen von Normalität, um sich selbst zu schützen. Sie färbte ihre Haare blond, nannte sich Marga Faes und überlebte den Rest des Krieges versteckt auf dem Land. Nach der Befreiung im Mai 1945 kehrte sie in ein kaltes Amsterdam zurück, in dem es kein Zuhause mehr gab. Sie besuchte ihren Onkel im Städtchen Zeist. Er hatte nur überlebt, weil seine Ehefrau keine Jüdin war. Unfähig, den Verlust zu verarbeiten, stand der alte Mann jeden Tag an der Haltestelle und hielt Ausschau nach seinem Bruder Salomon – obwohl das Rote Kreuz die amtlichen Todesmeldungen längst zugestellt hatte. Über dieses Nachkriegstrauma schrieb Marga Minco im Jahr 1966 ihren Roman Ein leeres Haus. Die 1920 als Sara Menco in Ginneken bei Breda geborene Journalistin hatte ihre Arbeit beim Bredasche Courant 1940 wegen ihrer Herkunft verloren und nach einer Tuberkuloseerkrankung im Untergrund überlebt. Für ihr literarisches Lebenswerk wurde sie 2005 mit dem Constantijn-Huygens-Preis und 2019 mit dem P.C. Hooft-Preis ausgezeichnet, bevor sie im Juli 2023 mit 103 Jahren in Amsterdam verstarb. In ihrem Roman versucht die Hauptfigur Sepha an drei bestimmten Tagen, die innere Leere durch wechselnde Liebschaften zu betäuben, während ihre Freundin Yona an der Last der Vergangenheit zerbricht und sich das Leben nimmt. Das Schicksal junger jüdischer Bürger in den besetzten Niederlanden zeigt starke Parallelen zu den Amsterdamer Schwestern Janny und Lien Brilleslijper. Auch sie lebten im Untergrund, leiteten das Widerstandsnest Das hohe Nest, überlebten Auschwitz und kehrten als letzte Zeuginnen der sterbenden Anne Frank nach 1945 in ein stummes Amsterdam zurück, um mit Worten gegen das Schweigen anzukämpfen. Getreu dem jüdischen Sprichwort, dass das Vergessenwollen das Exil verlängert und das Geheimnis der Erlösung die Erinnerung ist, schrieb Minco gegen das Vergessen an. Dabei entwickelte sich das Motiv der Überlebensschuld weiter: von einer inneren Leere im Erstlingswerk Das bittere Kraut (1957), das in 22 kurzen Kapiteln die rituelle Speise zur bitteren Gewissheit der Vernichtung wandelt, zu einer unheilbaren Spaltung der Persönlichkeit im zweiten Buch. Der Titel Ein leeres Haus symbolisiert sowohl die geplünderten Räume der Kindheit als auch den hohlen Seelenzustand der Rückkehrer. Die Befreiung brachte für die jüdischen Opfer keine Erlösung, sondern ging fließend in ein neues Leiden über. Lotte Schiffler und Marlene Müller-Haas übertrugen das Werk ins Deutsche; durch die Neuübersetzungen des Arco Verlags in den Jahren 2020 und 2021 wurde es im deutschsprachigen Raum bewahrt. Die Autorin beschreibt diese Realität wie eine reine Zeugenaussage, in der das Unfassbare alltäglich dargestellt wird. Mincos kühle, sachliche Sprache tarnt dabei das literarische Urteil. Die Nationalsozialisten zwangen ihre Opfer, für die Davidsterne zu bezahlen. Doch die eigentliche Schande offenbarte sich nach 1945. Die niederländische Gesellschaft verhielt sich wie die drei berühmten Affen – sie wollte nicht hören, nicht sprechen und nicht sehen, wie die jüdische Bevölkerung aus ihrer Mitte gerissen worden war. Nach der Befreiung setzten die Behörden dieses Verhalten fort. Die Finanzämter behandelten die wenigen, traumatisierten Rückkehrer wie Karteikarten. Sie forderten rückständige Grundsteuern für die Jahre, in denen diese Menschen im Untergrund oder in den Baracken von Auschwitz um ihr Überleben gekämpft hatten. Dieses nachträgliche bürokratische Wegsehen traf auf Menschen, deren Schicksal man nach dem Krieg einfach in Aktenordnern abheften durfte. Marga Mincos Werk zeigt die ungeschönte Wahrheit, die man damals in den Niederlanden nicht hören wollte. Es stellt die zeitlose Frage, die bis heute nachhallt: Wie soll das Leben in einer Gemeinschaft weitergehen, wie soll Zukunft gelingen, wenn man die eigene Schuld verschweigt, anstatt den Weg einer ehrlichen Aussöhnung zu suchen, auf dem alle Menschen Brüder werden, wo dein sanfter Flügel weht.