Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Auf einen Espresso und einen Plausch mit den Toten

Wenn man die Wohnung der Eltern betritt, um das zu ordnen, was von einem langen Leben geblieben ist, steht die Welt für einen Moment ganz still. Genau an dieser Schwelle bewegt sich Adriana Altaras’ Debütroman Titos Brille: Die Geschichte meiner strapaziösen Familie. Es ist eine zutiefst menschliche Erzählung über das Ausmisten und Trauern, die uns auf eine ganz eigene, wunderbar spröde Weise berührt, fast so, als würde man bei jedem Umzugskarton eine kurze Pause einlegen, um mit den Geistern der Vergangenheit ein vertrautes Wort zu wechseln. Wer ein klassisches, linear durchkomponiertes Familiendrama erwartet, wird von Altaras’ speziellem Erzählstil überrascht. Die Autorin verweigert sich einer glatten Handlung und setzt stattdessen auf ein collageartiges Anekdoten-Hopping. Ihr humorvoller Zynismus und die schnellen Witze wirken dabei wie ein emotionales Schutzschild gegen den schmerzhaften Kern der Trauer. Als psychologische Bewältigungsstrategie einer Tochter, die im Spagat zwischen Familienchaos und Berufsalltag funktionieren muss, ist das absolut plausibel, und man spürt förmlich, wie dieses Lachen ihr hilft, den Kopf über Wasser zu halten. Ein besonderes Wagnis geht der Roman in seinem Mittelteil ein, wenn die lebendige Erzählung plötzlich einer dokumentarischen Bestandsaufnahme weicht. Altaras lässt hier historische Dokumente, Briefe und Entschädigungsanträge ungefiltert für sich sprechen. Wo mancher Leser einen erzählerischen Stillstand wahrnehmen mag, entfaltet sich bei genauerem Hinsehen eine ganz eigene, dokumentarische Dichte. Es ist, als würde die Tochter am Küchentisch bei einer Tasse starkem Espresso innehalten und den stummen Plausch mit den Toten suchen, indem sie die alten, trockenen Papiere gegen das Licht hält. Das nimmt dem Buch das Tempo, schenkt ihm aber ein hohes Maß an Authentizität. Genau hier liegt auch der eigentliche Clou dieses Buches verborgen – es zeigt uns die perspektive einer Jüdin, die ihr Judentum und die jüdische Geschichte eben nicht auf ein sakrales Podest stellt oder künstlich hochstilisiert. Altaras blickt stattdessen mit einer tiefen, unaufgeregten Ehrfurcht auf die reine Natürlichkeit und Pragmatik ihres Erbes und sagt selbst voller Ironie über die religiösen Pflichten: „613 Regeln hat das Judentum. Ich würd mal sagen, zwei davon befolge ich tagtäglich. Andere, keine Ahnung. Ich finde, das ist absurd.“ Unvergesslich bleibt vor diesem Hintergrund der skurrile Auftritt des Rabbis, der die schweren, heiligen Schriften ganz selbstverständlich und ohne falsches Pathos in einer einfachen Aldi-Tüte verstaut – ein Moment, der mitten in der Trauer ein befreiendes Schmunzeln schenkt und beweist, dass das Heilige und das Profane im echten Leben ganz nah beieinanderliegen. Während einige Nebenfiguren in der episodischen Struktur eher holzschnittartig bleiben, überzeugt die Charakterzeichnung überall dort, wo sich die Protagonistin ehrlich reibt. Die Erinnerungen an den verstorbenen Vater, einen charismatischen, egoistischen Lebemann und Partisanenarzt, bringen eine spürbare, liebevolle Ambivalenz in den Text. Was diesen Roman letztlich trägt, ist Altaras’ eigene, unverwechselbare Stimme. Ihre Erzählweise ist ungeschönt und von einer erfrischenden Unerschrockenheit geprägt, getreu ihrer eigenen, unumstößlichen Lebensmaxime: „Aufgeben geht gar nicht.“ Am Ende bleibt die tröstliche Erkenntnis, dass das Aufräumen der Vergangenheit kein fehlerfreies Meisterwerk sein muss, sondern ein unvollkommenes, mutiges Lebendighalten derer, die uns beim Trinken des nächsten Espressos immer noch mit einem leisen Schmunzeln über die Schulter schauen.