A Jecke in America
Hallo! Es ist mir eine große Freude, Ihnen meine Geschichte zu erzählen, denn wissen Sie, eine Sache ist im Leben absolut entscheidend: Wenn Sie unglücklich sind, dann bleiben Sie nicht einfach traurig sitzen, sondern tun Sie etwas dagegen! Genau das habe ich getan. Mein Name ist Karola Ruth Siegel, aber die meisten Menschen kennen mich natürlich als Dr. Ruth Westheimer. Wenn Sie mich heute über meine Bücher und Aufzeichnungen hören, erleben Sie eine fröhliche, kleine Frau, die mit einem sehr deutlichen deutschen Akzent ganz offen, einfach und mit viel Humor über Liebe und Partnerschaft spricht. Mein irdischer Lebensweg endete zwar im Juli 2024 im Alter von 96 Jahren in Washington Heights, aber die Widerstandskraft meiner Geschichte bleibt eine weite Reise voller tiefer Brüche, die mich zu dem gemacht hat, was man eine moderne, vollkommen unabhängige Frau nennt. Ich wurde im Juni 1928 in Frankfurt am Main geboren und wuchs dort als einziges, sehr behütetes Kind in einer jüdischen Familie des Mittelstandes auf. Ich war die Tochter von Julius und Irma Siegel und die Enkelin meiner geliebten Großmutter Selma. Wir lebten in geordneten Verhältnissen, geprägt von den Werten einer typischen Jecke – so nennt man im jüdischen Sprachgebrauch die deutschsprachigen Juden. Das bedeutete ein großes Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, ein Sinn für Ordnung und ein riesiger Wissensdrang! Dieses bürgerliche Leben wurde im November 1938 jäh und grausam zerstört, als die Nationalsozialisten während der Novemberpogrome meinen Vater verhafteten und in das Lager Dachau brachten. Meine Familie tat alles, um mich zu retten, und so schickten mich meine Mutter und meine Großmutter im Januar 1939 mit einem der rettenden Kindertransporte in die Schweiz. Ich war damals gerade einmal zehn Jahre alt. Man brachte mich in das Kinderheim Wartheim in Heiden, das vom jüdischen Frauenverein Zürich geführt wurde. Die Lebensumstände dort waren sehr schlicht, oft bitterkalt und lieblos, da wir jüdischen Flüchtlingskinder von der Schweizer Bevölkerung bewusst getrennt wurden. Man verwehrte uns den Besuch einer höheren Schule und zog uns stattdessen vor allem für schwere Hausarbeiten heran. Aber wissen Sie, Halt fand ich in dieser schweren Zeit bei meinem wunderbaren Lehrer Julius Federschmidt. Er hielt uns Kinder streng dazu an, Tagebuch zu führen und erinnerte uns unermüdlich daran, dass das Wissen um die eigene Herkunft das Fundament unseres Lebens ist, damit wir niemals vergessen, wer wir waren. Als einziges Erinnerungsstück an mein Frankfurter Elternhaus verblieb mir damals ein kleiner, bestickter Waschlappen, den ich mein ganzes Leben lang wie ein Heiligtum aufgewahrt habe. Der schriftliche Kontakt zu meinen Eltern in Deutschland riss 1940 vollständig ab und erst viel später erhielt ich die traurige Gewissheit, dass mein Vater in Auschwitz ermordet wurde und meine liebe Mutter verscholl. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wanderte ich 1945 nach Palästina aus, ließ mich in Jerusalem nieder, nahm meinen Vornamen Ruth an und absolvierte in einem Kibbuz endlich meine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Parallel schloss ich mich der jüdischen Untergrundorganisation Haganah an. Und jetzt passen Sie auf: Trotz meiner sehr geringen Körpergröße von nur einem Meter vierzig wurde ich aufgrund meiner großen Genauigkeit an der Waffe zur Späherin und Scharfschützin ausgebildet! An meinem zwanzigsten Geburtstag erlitt ich jedoch bei einem schweren Artillerieangriff auf Jerusalem schwere Verletzungen an beiden Beinen, woraufhin eine monatelange, schmerzhafte Zeit im Krankenhaus folgte, in der ich das Gehen von Grund auf völlig neu erlernen musste. Nach meiner Gesundung heiratete ich das erste Mal und zog nach Paris, um dort als Kindergärtnerin zu arbeiten und Psychologie an der berühmten Universität Sorbonne zu studieren, wobei ich mangels eines regulären Abiturs eine Sonderregelung für ein Vorbereitungsjahr nutzte. Nach der Scheidung ging ich in Frankreich eine zweite Ehe ein, aus der meine wunderbare Tochter Miriam hervorging, doch auch diese Verbindung wurde nach kurzer Zeit geschieden. Im November 1955 wanderte ich schließlich in die Vereinigten Staaten aus und ließ mich in New York City nieder, wo die erste Phase von sehr engen wirtschaftlichen Verhältnissen im Stadtteil Washington Heights geprägt war. Ein Jahr später erhielt ich eine Entschädigung der Bundesrepublik Deutschland über fünftausend Mark für meine unterbrochene Schulausbildung. Diese Mittel und ein kleines Stipendium der jüdischen Exilzeitung Aufbau ermöglichten mir das Soziologiestudium an der New School for Social Research. Als alleinerziehende Mutter verdiente ich meinen Lebensunterhalt durch einfache Putzarbeiten, um dieses Studium zu finanzieren, und die englische Sprache erlernte ich ganz praktisch im Selbststudium durch das Lesen einfacher Zeitschriften. Im Dezember 1961 heiratete ich in dritter Ehe den ebenfalls aus Deutschland geflohenen Ingenieur Manfred Westheimer, meinen geliebten Fred, den ich bei einem Skiausflug kennengelernt hatte. Er adoptierte meine Tochter Miriam und wir bekamen einen gemeinsamen Sohn namens Joel. Wir lebten in einer ganz einfachen Wohnung in Washington Heights, in der ich über Jahrzehnte hinweg bis zu meinem Lebensende wohnen blieb. Trotz aller familiären und finanziellen Lasten ging ich meinen Weg im Beruf konsequent weiter, erwarb 1959 meinen Master-Abschluss an der New School mit einer Arbeit über das Leben deutscher Flüchtlingskinder und wurde 1970 erfolgreich an der Columbia University promoviert. Meine Doktorarbeit basierte auf Daten, die ich ab 1967 für eine Familienplanungsorganisation im New Yorker Stadtteil Harlem gesammelt hatte, wo ich auch Hilfskräfte ausbildete. Meine Ausbildung zur Sexualtherapeutin vertiefte ich an einem New Yorker Krankenhaus unter der bekannten Ärztin Helen Singer Kaplan, bevor ich ab 1980 durch meine Radiosendung landesweit bekannt wurde und mich rasch zu einer prägenden Figur des amerikanischen Fernsehens entwickelte. In dieser Rolle verkörperte ich das Bild der Neuen Frau: die vollständige wirtschaftliche Unabhängigkeit, verbunden mit dem Mut, gesellschaftliche Tabus offen, aber immer mit einem Lächeln zu brechen. In meiner Arbeit betonte ich stets, dass Sexualität eine wesentliche Säule einer stabilen Ehe ist, da eine Partnerschaft ohne geistige Anregung und Austausch unweigerlich an Langeweile scheitert. In meinen Medienauftritten förderte ich die sexuelle Aufklärung durch einen humorvollen, aber wissenschaftlich fundierten Diskurs über intime Themen wie Verhütung und den Schutz vor Krankheiten, distanzierte mich jedoch ausdrücklich von extremen Abweichungen. Mein Wirken verstand ich im Sinne der jüdischen Ethik des Tikun Olam immer als einen praktischen Beitrag zur Heilung der Welt. Neben meiner wissenschaftlichen Karriere engagierte ich mich über sechs Jahrzehnte ehrenamtlich in der jüdischen Gemeinde meines New Yorker Heimatviertels Washington Heights, das mir nach den Verlusten meiner Kindheit eine Heimat unter europäischen Flüchtlingen bot. Aus tiefer Dankbarkeit arbeitete ich intensiv im jüdischen Gemeindezentrum mit, war elf Jahre lang als gewählte Präsidentin dieser Institution tätig und stand dem Vorstand bis ins hohe Alter als Ehrenpräsidentin beratend zur Seite. Mein Hauptaugenmerk galt hierbei der Fürsorge für alte Menschen, die den Holocaust überlebt hatten, und dem Kampf gegen die Einsamkeit, da ich mich aufgrund meiner eigenen Verlustgeschichte konsequent weigerte, noch einmal Freunde durch Einsamkeit zu verlieren. Parallel bekleidete ich das Amt der Ehrenpräsidentin der örtlichen Reformsynagoge, der ich als aktives Mitglied angehörte. Nach dem Tod meines Ehemanns Manfred im Jahr 1997 blieb ich als Autorin und Dozentin aktiv, verfasste im Laufe meines Lebens 45 Fach- und Sachbücher, darunter das bekannte Standardwerk Sex for Dummies, lehrte an den Elite-Universitäten Yale und Princeton und engagierte mich über zwei Jahrzehnte im Vorstand des Holocaust-Museums in New York. Im November 2023 wurde ich von der Gouverneurin des Bundesstaates New York zur ersten offiziellen Botschafterin gegen Einsamkeit ernannt. Mein Lebensweg wurde im biografischen Theaterstück Becoming Dr. Ruth von Mark St. Germain für die Bühne bearbeitet, welches im Juni 2012 seine Premiere feierte. In der New Yorker Inszenierung wurde die Hauptrolle durch die wunderbare Schauspielerin Tovah Feldshuh besetzt. Die Theatermacher wählten diese Biografie, weil der reale Lebenslauf ein außergewöhnlich starkes Fundament bot, um die tragische Vorgeschichte hinter der heiteren Medienfassade offenzulegen und ein universelles Lehrstück über menschliche Widerstandskraft zu vermitteln. Die Inszenierung nutzt bewusste künstlerische Freiheiten und weicht von der echten Geschichte ab, um die Handlung für die Bühne zu verdichten, sodass Namen realer Personen abgeändert und erfundene Figuren oder Hürden eingeführt wurden, um die Widerstände emotional zu verstärken. Ein bemerkenswerter Kontrast ergab sich durch die Besetzung, da die gebürtige New Yorkerin Tovah Feldshuh keinen eigenen Bezug zum Holocaust hatte, sich meinen Akzent jedoch durch wöchentliche Treffen in meiner Wohnung aneignete. Sie interpretierte die Rolle auf der Bühne in einer sehr schnellen, musikalischen Dynamik, die an die Anforderungen eines klassischen Musicals erinnerte, um die Aufmerksamkeit des Publikums als Solodarstellerin zu fesseln, da sie in der Darstellung dieser Mitzvah-Maschine eine tiefe Verpflichtung sah, das Erbe der Überlebenden zu bewahren. Die Theaterkritik reagierte geteilt, kritisierte die Struktur phasenweise als zu einfach, hob jedoch mehrheitlich die emotionale Tiefe und die Leistung der Hauptdarstellerin hervor, während die Abweichungen von der Realität als Gesetze des Theaters akzeptiert wurden. Ich selbst stand dem Vorhaben anfangs skeptisch gegenüber, entwickelte nach dem Lesen des Textbuches jedoch eine tiefe persönliche Begeisterung, besuchte das Stück rund zwanzigmal und lobte Feldshuhs Leistung als brillant. Besonders berührte mich die respektvolle Abbildung meiner Liebesgeschichten und Ehen. Wissen Sie, die Aufführung im Museum jüdischer Geschichte erfüllte für mich die Funktion eines symbolischen Grabmals für meine im Holocaust ermordete Familie, der eine reale Ruhestätte verwehrt geblieben war. Meine Kinder, Miriam und Joel Westheimer, teilten diese positive Meinung uneingeschränkt, unterstützten die Theatermacher mit Details aus der Familie und betonten öffentlich, dass das Stück das Leben und die Widerstandskraft ihrer Mutter würdevoll abbilde. Das Werk leistet damit einen bleibenden Beitrag zur lebendigen Erinnerungskultur und dokumentiert den Aufstieg einer außergewöhnlichen Frau, deren unermüdliches Leben ganz im Sinne des klassischen Prinzips aus den Sprüchen der Väter stand, wonach es zwar nicht die eigene Pflicht ist, das Werk zu vollenden, man aber auch nicht frei ist, sich ihm zu entziehen. Das ist es! Don't just sit there, do something about it!