Vom Versuch zu vergessen
Mein Leben ist ja doch nur ein graues Sandkorn in dieser unendlichen Wüste, und manchmal ertappe ich es bei einer leisen Sehnsucht nach einer Palme. Ich messe meine Tage einfach daran, wie oft ich die Sanduhr umdrehen muss; so rinnt die Zeit fort, Sekunde für Sekunde, von einer Generation zur nächsten. In all diesem endlosen Sand, verbirgt sich das Leben, ganz schlicht. Es gibt dort Skorpione, es gibt Schlangen, und es gibt mich. Manchmal begegnen mir in Gedanken alte Namen wie Amalek, die man wohl am liebsten für immer vergessen möchte – und doch zwingt mich mein pochendes Herz ab und zu, mich zu erinnern. Man sagt von den Menschen im Osten, sie seien wie ein Kaktus: außen hart und im Inneren zuckersüß. Ich trage diesen einfachen Willen zu leben in mir. Ich werde mein Inneres nicht verlieren, weil ich ganz genau weiß, woher ich komme und wer ich bin. Ich sehne mich nach nichts anderem als nach ein wenig Frieden und Freiheit. Als Tochter aus dem Westend hat man es als Jüdin in Deutschland dieser Tage wahrlich nicht leicht. Sich frei zu entfalten, wenn die eigenen Eltern einen daran hindern, ist schon eine schwere Sache. Ich pflege nun den Haushalt für die Familie, daheim zwischen Verantwortung und dem Wunsch nach mehr Möglichkeiten. Dass ich meine Geschwister nicht in die rettende Ferne nach Australien begleitet habe, liegt daran, dass mein Vater Ludwig eine helfende Hand braucht; ich konnte ihn nicht allein in diesem bedrohlichen Berlin zurücklassen. So will ich auch unter mein Schicksal treten, mag es hoch wie ein Turm, mag es schwarz und lastend wie eine Wolke sein. Und so lebe ich. Ich lebe in einer stillen Trauer um ein Kind, das ich damals abtreiben musste, weil meine Eltern mir in meiner Not nicht helfen wollten. Ich lebe ohne einen Partner, der meine Hand hält – vielleicht, weil ich keinem Mann recht gefalle, oder weil meine Eltern niemanden an meiner Seite akzeptieren wollten. Ich lebe nun einmal so. Und ich lebe hier umgeben von Wutmenschen; von Leuten, die auf ihren Hass merkwürdig stolz sind. Nazis, die mich demütigen müssen, nur um sich selbst für einen Moment stark zu fühlen. Die „Starken“ haben mir mein Zuhause weggenommen. Ich wohne jetzt in diesem Judenhaus in der Speyer Straße, damit die Räuber sich in unserem alten Heim einnisten. Ich habe den geliebten Garten hergegeben für eine Zelle auf engstem Raum. Aber ich möchte überleben. Jetzt muss ich jeden Tag in der Fabrik arbeiten, damit die Mörder genug Munition haben, um meine eigenen Leute zu ermorden. Wahrscheinlich werde ich am Ende in Polen sterben, weil mich hier niemand beschützt. Als Dolmetscherin half ich im Ersten Weltkrieg Gefangenen. Im Schreiben formuliere ich meine eigenen Wahrheiten: Ich bin eine Neue Frau und ich bin Jüdin – jemand, der sich immerzu hinterfragt und weiterentwickelt. Das Leben und seine Süße liebe ich noch immer sehr. Auf die Härten, das gebe ich offen zu, hätte ich gut verzichten können. Um diesen Kampf zu bestehen, schreibe ich, allerdings unter einem Künstlernamen, um meine Familie zu schützen. Der neue Name, Gertrud Kolmar, ist die Schale, die es mir erlaubt, mein Inneres preiszugeben, ohne das Vergangene zu zerstören. In Erzählungen über Neue Frauen will ich anderen helfen, sich selbst als Jüdin zu verstehen. Wenn ich über diese suchenden Frauen schreibe, ist meine Stimme frei, doch im Leben blieb mein Sandkorn nicht heil. Vergessen worden bin ich nicht.