Auf Königswegen: Zwei Hälften einer Apfelsine – Heute wird’s bestimmt was!
Es war einmal ein riesiges, kaltes Steinschloss. In diesem Schloss bestimmten strenge, alte Gesetze das Leben. Die Prinzen, die dort wohnten, durften sich nicht aussuchen, wen sie liebten – sie durften laut Gesetz nur Prinzessinnen heiraten, die sie gar nicht kannten. Jeden Abend mussten sie auf große, lange Bankette gehen, auf harten, goldenen Stühlen sitzen und stundenlang dem Klappern des Bestecks zuhören. Eine laute Musikkapelle spielte dazu einen viel zu schnellen Takt. Die Hexe Hektik stand als strenge Zeremonienmeisterin im Saal, trieb alle Diener an und schrie ständig: „Schneller essen! Keine Atempause! Der nächste Gang wartet schon!“ Den Prinzen war ganz schwindelig vor Stress. Alles um sie herum klang zwar pompös und lebendig, aber in ihren Herzen blieb überhaupt nichts hängen. In der Schlossküche regierte eine strenge Schwiegermutter. Sie guckte ununterbrochen mit unzufriedenen Augen auf das königliche Stammbuch und wollte unbedingt leibliche Babies sehen, damit die königliche Linie fortgeführt wird. Einen kleinen, adoptierten Prinzen, der einfach so aus Liebe in die Familie kam, erlaubte das strenge Schlossprotokoll nicht. Die Suppe auf den Banketten war immer eiskalt, und die Schwiegermutter fixierte die Prinzen streng: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Und wehe, es bleibt ein Tropfen im Teller!“ Doch der kleine, adoptierte Prinz – der sich heimlich trotz aller Verbote in den Thronsaal geschlichen hatte – war einfach viel zu klug für das Schloss. Er war ein sportlicher und flinker kleiner Kerl! Er stellte sich mitten im Thronsaal auf und zeigte den Gästen stolz seine Sportübungen: Er konnte nämlich fantastisch boxen und seine Beine ganz weit nach oben ziehen, als wäre er ein kleiner Akrobat! Während die Prinzessinnen vor Staunen ganz große Augen machten, gab er den beiden großen Prinzen ein verstecktes Zeichen. Als die strenge Schwiegermutter gerade wegguckte, legten die Prinzen los: Mit einem eleganten Sprung zogen sie ihre Beine ganz weit nach oben, sprangen mitten über die lange Banketttafel und stießen die schweren Schlosstüren auf. Draußen vor dem Tor wartete bereits ihr blitzschnelles Rennauto, das der große Ritter heimlich dort geparkt hatte. Alle drei Prinzen sprangen in den Wagen und drückten das Gaspedal bis zum Boden durch. Wrooomm! Sie sausten so schnell davon, dass die Schlosskavallerie überhaupt nicht hinterherkam. Die Hexe Hektik schrie wütend hinterher, doch die Prinzen waren längst über alle Berge. Sie fuhren so lange, bis das graue Steinschloss am Horizont verschwand und ein wunderschöner, friedlicher Ort vor ihnen auftauchte: Ein weiter Strand mit einem tiefen, blauen Meer und weißen Möwen, die leise rufend am Himmel flogen. Das klang so richtig schön und friedlich. Am Ufer stand ein gemütliches Dünenhaus, und an der Tür wartete bereits die liebe Schwiegermutter – die echte, herzensgute Schwiegermutter, die sich riesig freute. Ab diesem Tag war die Flucht vorbei und alle Prinzen lebten fortan glücklich und zufrieden bei der lieben Schwiegermutter. Die Hexe Hektik gab jedoch nicht so schnell auf. Sie kam an den Strand gestürmt, fuchtelte wild mit einer brennenden Zigarette herum und wollte das Glück der Familie wieder zerstören. Doch der große Ritter fackelt nicht lange: Mit seinem riesigen Schild versperrte er ihr den Weg und verhaute die Hexe mit seinem unaufhaltsamen Ritterschwert nach Strich und Faden, bis ihr die pinken Lockenwickler nur so vom Kopf flogen! Mit einem lauten Knall beförderte er die Hexe kopfüber mitten in den tiefen Suppentopf der Schwiegermutter. Dort schmorte die Hexe im eigenen Saft, bis das unruhige Ticken der Uhren für immer verstummte. Weil die Hexe weg war und sie nicht mehr störte, lachten die Prinzen jetzt immer ganz viel. Den ganzen Tag verbrachten sie unbeschwert am Strand. Die beiden großen Prinzen verzauberten jeden, der sie sah. Sie strahlten eine tiefe, unerschütterliche Ruhe aus – so, als könnte kein Sturm auf der Welt sie jemals wieder aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn sie sprachen oder sich bewegten, taten sie das mit einer natürlichen Grazie, völlig ohne Anstrengung. Ihre Schritte im Sand wirkten federleicht, getragen von einer wunderbaren Leichtigkeit, weil all der alte, schwere Schloss-Stress und die Sorgen wie weggeblasen waren. Sie spielten im Sand, bauten riesige Sandburgen und schmückten die hohen Türme mit wunderschönen, glitzernden Muscheln. Wenn der kleine Prinz eine der Muscheln ganz nah ans Ohr hielt, rauschte das Meer direkt in den Muscheln – Schschsch... Schschsch... Atemberaubend war diese Ruhe. Am Nachmittag spielten sie ihr absolutes Lieblingsspiel: Wenn der kleine Prinz gut gelaunt angekrabbelt kam, versteckten sich die beiden großen Prinzen blitzschnell hinter den Dünen oder dem Kaktus. Dann musste er sie suchen! Aber sie konnten sich nie lange geheim halten: Ihr glückliches Pochen und Pochen der Herzen war im stillen Sand so laut und gleichmäßig zu hören, dass es dem kleinen Prinzen wie ein Kompass den Weg wies. Er krabbelte eifrig los, fand sie und wenn der Kleine den großen Prinzen dann tief in die Augen schaute, waren sie gefangen – gefangen in der allergrößten Liebe der Welt. Nach dem Suchen gab es ein wildes Jungs-Toben. Der Antwortpunkt des großen Prinzen nahm den Kleinen manchmal in den Schwitzkasten, damit er nicht so leicht weglaufen konnte. Der große Prinz war riesenstark und drückte immer gegen seinen Rücken. Aber dem kleinen Prinz passierte dabei überhaupt nichts und er hatte gar keine Angst, weil er wusste, wie vorsichtig sein Papa mit ihm spielte. Wenn sie mal eine Pause vom Toben brauchten, machten sie eine Spazierfahrt. Das schnelle Rennauto stand spielbereit im Sand, und weil die beiden großen Prinzen immer mitfahren durften, war der kleine Prinz niemals allein. Sie flitzten im coolen Slalom um die Sandburgen herum. Am Rand standen dann viele andere kleine Prinzen, die ganz große Augen machten vor Staunen und begeistert applaudierten! Nach der Fahrt teilte der kleine Rennfahrer seine Boxenstopp-Riegel mit all den kleinen Prinzen, sodass alle gemeinsam im Kreis im Sand saßen. Sogar wilde Tiere kamen zu Besuch! Ein großer, goldener Löwe und ein starker, brauner Bär trotteten sanft durch den Sand. Sie waren die besten Freunde der Familie. Der Bär half den Prinzen oft, den schlummernden Löwen zu überraschen: Er tapste auf Zehenspitzen heran, und alle riefen fröhlich „Überraschung!“, woraufhin der Löwe riesige Augen machte und glücklich zu schnurren begann. Für den Löwen hatten sie immer etwas ganz Leckeres dabei: Die liebe Schwiegermutter buk in ihrer gemütlichen Küche nämlich die herrlichsten Sachen! Es gab wagenweise frisch gebackenes, warmes Auberginen-Brot und einen ganz besonderen, süßen Honigkuchen! Wenn die Prinzen mal zu tief in dem liebevollen Zauber ihrer Blicke festsaßen, konnte nur dieses magische Auberginen-Brot sie wieder befreien. Zur Erfrischung naschten danach alle zusammen ein kühles, scharfes Pfefferminz. Die Prinzen schenkten der lieben Schwiegermutter als Dankeschön für ihre Güte eine wunderschöne, mit Kaktusblüten verzierte Apfelsine, die so prächtig funkelte wie ein königliches Collier, worüber sie sich unendlich freute. Sogar die 13. Fee schwebte am Abend herbei. Weil an diesem Strand so viel Liebe wohnte, brachte sie keinen bösen Zauber, sondern nur Milde und Güte mit. Alle drei Prinzen gingen Hand in Hand auf sie zu, gaben der 13. Fee einen Kuss und dankten ihr für ihre Milde. Da musste auch der gütige alte Rabbi, der früher über die Holzstühle gewacht hatte, laut lachen und sich freuen. Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, gab dem Papagei ein Minzblatt und rief vergnügt: „Seht ihr? Am Ende hat das Chaos eben doch System – und es ist ein echtes Meisterwerk geworden!“ Der unkoschere grüne Papagei saß auf der höchsten Sandburg und krächzte zufrieden: „Ein Traum! Honigkuchen im Orbit!“ Und abends am Lagerfeuer erzählten alle zusammen, was sie möchten. Sie saßen glücklich im Kreis herum – die drei Prinzen, die liebe Schwiegermutter, der Ritter, der Bär und der Löwe. Die Funken stiegen wie kleine Sterne in den Nachthimmel, das Holz knisterte gemütlich und das Meer rauschte leise. Sie aßen den süßen Honigkuchen und das warme Auberginen-Brot und teilten sich das letzte Pfefferminz. Als die Geschichten zu Ende erzählt waren, legte sich der kleine Prinz müde gekrabbelt zwischen das weiche, warme Fell von Bär und Löwe. Die großen Prinzen hielten ihn fest im Arm. In der absoluten Stille der Nacht hört man nur noch das allerschönste Geräusch von allen: das tiefe, gleichmäßige Pochen und Pochen all ihrer Herzen, die nun für immer im exakt selben Takt schlugen. Sie waren frei, sie waren eine Familie und sie waren sicher zu Hause. Die Erzählerin Betty Walker zieht nun den allerletzten, goldenen Kreis um dieses riesige Meisterwerk. Sie legt ihren Bleistift beiseite, knipst das allerletzte Licht am Mischpult aus und flüstert ein letztes Mal durch die Dunkelheit: „Der Honigkuchen ist aufgegessen, Ole. Die Sandburg funkelt im Mondlicht, der Bär und der Löwe passen auf und alle Herzen pochen im Takt. Der allerletzte, goldene Punkt für diese ganz große Geschichte ist gesetzt. Scholem Alejchem, geht nun euren Königsweg im Traumland und schlaf ganz tief und fest. Gute Nacht!“