Der Codeknacker von Manhattan
Wie ein amerikanischer Geheimdienstler die Seele Lateinamerikas übersetzte. Es gibt einen Tisch in Manhattan, an dem die Weltliteratur ihre Sprache wechselte. Ein einfacher Holztisch, an dem ein Mann nachts das tat, was er im Zweiten Weltkrieg gelernt hatte: Codes knacken. Damals dechiffrierte Gregory Rabassa verschlüsselte Militärberichte für die US-Armee. Jahrzehnte später knackte er etwas weitaus Komplexeres – die Seele eines fernen Kontinents. Rabassa war der Mann, der die magischen Welten von Gabriel García Márquez und Julio Cortázar ins Englische holte. Er baute unsichtbare Brücken aus Worten. Doch wer war dieser Mann, der im Exil der Sprachen lebte, ohne seine Heimat je wirklich zu verlassen? Die Idylle und der Absturz, wer Gregory Rabassa verstehen will, muss zurück nach Yonkers reisen, in das grüne Hudson-Tal der 1920er Jahre. Hier wuchs er in einer Welt der extremen Kontraste auf. Sein Vater, Miguel, war ein wohlhabender kubanischer Zucker-Broker; seine Mutter, Clara, die Tochter britischer Einwanderer aus dem New Yorker Arbeiterviertel Hell’s Kitchen. Es war eine privilegierte Kindheit: Zwei Chevrolets in der Auffahrt, ein Chauffeur, ein Diener und ein majestätischer Blick über den Fluss zu den New Jersey Palisades. Doch die Idylle war geliehen. Als der Zuckermarkt einbrach, verlor die Familie alles. Es folgte die abrupte Flucht auf eine karge Farm in New Hampshire, wo sich die Eltern mühsam als Pensionswirte über Wasser hielten. In dieser rauen neuen Realität klammerte sich der Vater an die radikale Anpassung: Er verbot das Spanische im Haus, sprach nur noch Englisch. Spanisch wurde zur Geheimsprache für absolute Notsituationen. Es war die Mutter, die in dem jungen Gregory den Funken zündete. Über ihre kindlichen Sprachspiele flüchtete er vor der Armut in die unzerstörbare Heimat der Wörter. Die Sprache wurde sein Schutzschild. Das tragbare Vaterland: „Für die Welt war er der unnahbare Professor, aber im Herzen blieb er immer ein behütetes Söhnchen, das die raue Realität mied“, erinnert sich Roney Edelstein, die zehn Jahre mit dem Jahrhundert-Übersetzer verheiratet war. Sie stammt selbst aus einer traditionellen jüdischen Familie aus Manhattan und sieht in Rabassas Leben eine universelle Wahrheit: „Als Juden wissen wir, dass uns Besitz von heute auf morgen genommen werden kann. Was bleibt, ist der Geist. Bildung ist unser tragbares Vaterland.“ Rabassa, obwohl konfessionsloser Freigeist, verinnerlichte diese jüdische Denkkultur zutiefst. Seine akademische Heimat wurde das Queens College, ein Epizentrum jüdischer Intellektualität in New York. Er bewunderte Autoren wie Clarice Lispector, die aus jüdischen Flüchtlingsfamilien stammten. Er besaß dieselbe leise Melancholie, denselben unschlagbaren Humor. Er verstand das Exil, ohne selbst im Exil zu sein. Im Takt von Count Basie. Sein akademischer Weg führte ihn über Dartmouth, die Columbia University und schließlich zu einer zwanzigjährigen Lehrtätigkeit. Doch sein eigentliches Meisterstück lieferte er in den 1960er Jahren ab. Als er Julio Cortázars Jahrhundertroman Rayuela ins Englische übertrug, gewann er aus dem Stand den National Book Award. „Er ging an meinen Text heran wie ein Codeknacker“, erinnert sich Cortázar voller Faszination. „Er dechiffrierte die Literatur mit einer mathematischen Präzision, die mich fassungslos machte. Er verstand, dass man nicht Wörter übersetzt, sondern den Rhythmus. Greg übersetzte im Takt von Count Basie.“ Der analoge Rebell: Cortázar zog später in seiner Erzählung Klone das Bild einer unterkühlten, modernen Welt – einer Welt voller seelenloser, perfekt funktionierender Menschen, die mechanisch Tischtennis spielen und gefühlskalte Affären pflegen. Für den argentinischen Autor war Rabassa das exakte Gegenteil dieses emotionalen Vakuums: „Greg ist ein zutiefst analoger Mensch. Ein warmherziger Rebell gegen die kalte Perfektion.“ Diese Rebellion lebte Rabassa bis ins Detail. Während er über das Magazin Words Without Borders intellektuell die ganze Welt vernetzte, verweigerte er sich im Alltag stur jeder modernen Technik. Er tippte auf alten Schreibmaschinen, mied Computer und lebte in einer Welt, die sich weigerte, mit der beschleunigten Moderne Schritt zu halten. Ein Mann, der nachts die Codes der Weltliteratur knackte, um sie für die Ewigkeit zu konservieren – und tagsüber die amerikanische Sprache veränderte, während er selbst im analogen Gestern blieb.