Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?
Letzte Gesänge: Identität als Tat
Noah Prilutski war ein Mann für die Handwerker und Arbeiter. Er arbeitete als Jurist, Sprachforscher und Verleger. Seine Vielseitigkeit entstand aus einer klaren Notwendigkeit. Er wollte der jüdischen Gemeinschaft in einer Phase von Gewalt und Staatsumwälzungen Rechtssicherheit geben. Er wollte den Menschen kulturellen Halt bieten. Sein Handeln war die praktische Umsetzung seiner Herkunft und seiner Werte. Dieser Weg begann früh mit persönlichem Risiko. Als Jurastudent in Warschau organisierte Prilutski im Theater einen Protest gegen ein antisemitisches Bühnenstück mit dem Titel Das goldene Kalb. Dies führte zu seiner ersten Festnahme. Wenig später inhaftierte ihn die zaristische Geheimpolizei. Er kam wegen der Teilnahme an einer studentischen Versammlung in das Pawiak-Gefängnis. Das Gefängnis lag im Herzen des jüdischen Nordviertels von Warschau. Seine Zelle befand sich inmitten der Lebensrealität der einfachen Leute. Er wurde von der Universität verwiesen. Er beendete sein Studium schließlich als Anwalt in Petrograd. Zuvor hatte er frühen Hebräisch-Unterricht bei Hirsh Hildesheimer und Rabbi Isaac Baer Levinsohn absolviert. Er schloss die Schule in Tsoyzmer ab. In seiner alltäglichen Praxis als Rechtsanwalt und Sprachforscher zeigte sich sein tiefes Selbstverständnis. Die Menschen aus den ärmeren Warschauer Vierteln kamen oft zu ihm. Sie flehten ihn um Rettung an. Seine erste Reaktion am Schreibtisch war stets dieselbe. Er bat sie ruhig, ihm das Sprichwort noch einmal ganz genau zu sagen. Selbst im Moment der akuten Hilfe verlor er nie den Blick für den bleibenden Wert der jiddischen Kultur. Im Judentum gilt das Aufschreiben und Bewahren von Alltagserinnerungen als lebendige Mizwa, als heilige Tat. Noah erfüllte diese Pflicht mitten im Chaos. Gemeinsam mit seinem Vater Tsvi gründete er die Tageszeitung Der Moment. Unter Pseudonymen wie Student, Analytiker oder Hofman verfasste er unermüdlich Artikel für die jiddische Presse. Er bereicherte die Kulturlandschaft mit eigenen Werken wie der Lyrik Vor dem Altar, den Gedichten und der Novelle Bergauf. Zudem gab er Publikationen wie Unser Leben, das Lemberger Tageblatt, Der Weg, Goldene Funken, Der junge Geist und Moderne Sammelbücher heraus. Als Abgeordneter im Parlament und im Warschauer Stadtrat nutzte er sein Mandat zur Aufklärung von Unrecht. Nach dem Massaker von Pinsk reiste er persönlich vor Ort. Er untersuchte die Erschießung von fünfunddreißig Juden. Er brachte den Fall vor das Parlament. Im Krieg von 1920 trat er vor Militärgerichten gegen falsche Spionageanklagen auf. Er verhinderte die Vertreibung von Gemeinden. Er erwirkte die Freilassung von zum Tode Verurteilten. Mit der Volkspartei vertrat er die Interessen jüdischer Handwerker und Kleinhändler. Über die Jüdische Welthilfskonferenz organisierte er Hilfen für Pogromopfer in der Ukraine und Belarus. Er verhandelte darüber mit US-Präsident Warren G. Harding. Parallel dazu strukturierte Prilutski die Verteidigung der jiddischen Kultur. Angesichts der existenziellen Bedrohung der jüdischen Kultur in Europa stellte er sich in seinen Vorworten schlicht die Frage, für wen er dies alles tue. Diese kurze Frage leitete sein gesamtes unprätentiöses Schaffen. Auf der Czernowitzer Konferenz forderte er in der Kommission der Sieben die Anerkennung des Jiddischen als Nationalsprache. Er arbeitete im wissenschaftlichen Institut YIVO in Wilna mit Max Weinreich und Zalmen Reyzen an der Erforschung der Sprache. Er publizierte das Journal Jiddische Philologie, das Archiv für jiddische Sprachwissenschaft, Literaturforschung und Ethnologie sowie Jiddisch für Alle. Seine grammatischen und phonetischen Forschungen hielt er in den Materialien für jiddische Grammatik und Orthographie, dem Werk Der jiddische Konsonantismus und den Dialektologischen Vorarbeiten fest. Er sammelte die Alltagskultur in den Jiddischen Volksliedern und seinen Sammelbüchern für jiddische Folklore, Philologie und Kulturgeschichte. Zudem verfasste er die historische Untersuchung Warum ist das jiddische Theater so spät entstanden?. Diese Arbeit verband er mit praktischer Lehre. Er gründete die Vereinigung für jiddische Schulen und Volksbildung. Er leitete die Lehrerausbildung und baute Bibliotheken auf. So schuf er ein tragbares Fundament. Die jüdische Bevölkerung nahm diese Identität bei Länderwechseln und Flucht mit. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Wilna wurde Prilutski von der Gestapo verhaftet. Sie brachten ihn in das Wilnaer Ghetto. Die Besatzer zwangen ihn zur Katalogisierung der Bestände des YIVO-Archivs. Danach ermordeten sie ihn. Er gehört heute zu den umgekommenen Schriftstellern der Ghettos und Lager. Sein Nachlass besteht aus seinen Schriften sowie seinen Arbeiten in den YIVO-Blättern und den Philologischen Schriften. Er stellte der versuchten Vernichtung seiner Gemeinschaft die Organisation von Bildung, Publizistik und Recht gegenüber. Sein Leben galt den Menschen.