Frankfurt am Hudson
Wer es zwischen 1860 und 1960 nach New York City schaffte, suchte vor allem soziale Sicherheit und ein festes Zuhause. Die meisten Zuwanderer betraten Manhattan mit der großen Hoffnung, der Armut und der religiösen Verfolgung in Europa zu entkommen, um gezielt den ausbeuterischen Bedingungen der europäischen Industrialisierung zu entfliehen. Ihr ursprünglicher Traum, als freie Farmer ein eigenes Stück Land zu bewirtschaften, prallte in New York jedoch schnell auf eine raue Wirklichkeit. Statt der erhofften Freiheit auf dem Land wartete auf viele Neuankömmlinge erst einmal harte körperliche Arbeit in den engen Werkstätten Manhattans. Trotz dieser Ernüchterung war der Entschluss zur Auswanderung für die meisten die einzige Möglichkeit, wieder ohne Angst um das eigene Leben durchatmen und schlafen zu können. Diese Flucht vor der Not hing allerdings stark von den eigenen Ersparnissen, der Gesundheit und schlicht von Glück ab, da die Schiffsreise über den Atlantik lang und beschwerlich war. Die Dampfer der großen Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd transportierten die Menschen in tagelangen Fahrten über den Ozean, wobei jede neue Einwanderungswelle die aktuellen Krisen der alten Heimat widerspiegelte. Vor allem der Erste Weltkrieg hatte gezeigt, wie unbarmherzig das Leben einfacher Menschen durch die Weltgeschichte zerstört werden kann. Die Migration betraf einfache Handwerker ebenso wie berühmte Persönlichkeiten – darunter den Zeitungsverleger Joseph Pulitzer oder den Physiker Albert Einstein. Jahrzehnte später nutzte auch der Musiker Elvis Presley diese Route, allerdings als amerikanischer Soldat und in umgekehrter Richtung zum Hafen von Bremerhaven. Nach der Ankunft in Manhattan halfen gewachsene Strukturen beim Einleben, denn ab 1860 bildete sich dort ein dichtes Netzwerk aus deutschen Vereinen, Zeitungen und Nachbarschaften. Auf diesen festen Fundamenten bauten später jene Generationen auf, die vor dem nationalsozialistischen Terror fliehen mussten und vor allem in den Washington Heights eine sichere Zuflucht fanden, sodass die Gegend bald als „Frankfurt am Hudson“ oder auch als das „Vierte Reich“ bekannt wurde. Aus diesem eng verbundenen Kreis gingen Menschen mit enormer Tatkraft hervor, wie etwa die jüdisch-deutschen Brüder Isidor und Nathan Straus, die als Kinder aus Bayern eingewandert waren, später das Kaufhaus Macy’s übernahmen und es zum größten Warenhaus der Welt machten. Jahrzehnte danach formte der Stadtplaner Robert Moses, dessen Großeltern einst ebenfalls als jüdische Flüchtlinge aus Bayern über den Atlantik gekommen waren, mit seinen gigantischen Autobahnen, Parks und Brücken das moderne Gesicht von New York. Solche Lebenswege zeigten, dass aus den Fremden von gestern die Baumeister der amerikanischen Zukunft werden konnten, während die Einwanderer gleichzeitig den New Yorker Alltag nachhaltig mitgestalteten. Auf den Bürgersteigen mischten sich Wiener, Berliner und hessische Dialekte mit dem Jiddischen, man trug stolz die neueste Berliner Mode, und der Duft traditioneller jüdisch-deutscher Gerichte gehörte bald fest zur Kulisse Manhattans. In den Wohnungen und Cafés suchten die Menschen bewusst die Nähe ihrer Landsleute, da dieses Beisammensein half, das Heimweh und die lähmende Ohnmacht der Einsamkeit gemeinsam zu überwinden. Dieses tägliche Leben im Exil spielte sich oft in ganz einfachen, vertrauten Szenen ab, wenn die Menschen in ihren Wohnungen saßen, Schwarzkirschsaft tranken und Pumpernickel mit Hering aßen. Wenn im fahlen Licht der Nachmittagssonne das traditionelle Essen auf dem Tisch stand, besprach man den neuesten Klatsch und Tratsch aus der alten Heimat, wodurch sich das Leben in New York angstfreier und fast so vertraut anfühlte wie in Berlin-Mitte oder der Wiener Leopoldstadt. Neben der Sehnsucht nach Vertrautheit prägte ein starker Vorwärtsdrang die Gemeinschaft, der sich in der enormen Energie von Frauen wie Jennie Grossinger zeigte, die aus einfachen Verhältnissen stammend im Hudson-Tal ein großes Hotelimperium aufbaute und bewies, dass man Menschen zwar ihre Heimat nehmen, sie aber nicht an einem erfolgreichen Neuanfang hindern kann. An den Tischen der Metropole trafen diese osteuropäischen Einwanderer auf die bereits etablierte jüdische Elite der Stadt, während an den Universitäten große Denker wie Max Wertheimer oder der Logiker Kurt Gödel lehrten. Ein zentraler Treffpunkt des geistigen Lebens wurde die Upper West Side, wo die berühmte Exil-Zeitung Aufbau gedruckt wurde und man vertraute Gespräche bei Kaffee und Kuchen führte. Die Kultur dieses Viertels war von einer besonderen, süß-sauren Ironie geprägt – einem Weinen mit Lachen, das die ungeschminkte Härte des Lebens erträglich machen sollte, da dieser Alltag keineswegs frei von gesellschaftlichen Konflikten war. So musste der jüdische Ruhetag, der Schabbat, in den Fabriken Manhattans hart gegen die Drohung der Kündigung verteidigt werden, bis schließlich die jüdisch-amerikanischen Arbeitergewerkschaften der Textilbranche den freien Samstag mit schierer Tatkraft erstreikten, was am Ende allen Amerikanern zugute kam. Doch der Überlebenskampf führte nicht jeden auf den Pfad der Tugend, und so entwickelte sich in den schattigen Zonen der Bronx und Harlems auch eine raue Gegenwelt. Figuren wie der deutsch-jüdische Einwanderersohn Arthur Flegenheimer, bekannt als Gangster „Dutch Schultz“, bauten dort illegale Geschäfte auf und zeigten, dass die Not der Einwanderung und die Gier der neuen Welt alle Schichten ergreifen konnten, wobei das Gesetz der Straße oft schneller zählte als der gute Anstand. In dieser harten Realität erwies sich langes Reden und theoretisches Denken oft als wertlos, da wahre Klugheit im Exil bedeutete, Gefahren sofort zu erkennen und Probleme praktisch zu lösen. Davon zeugte das Handeln von Rosi Wolfstein und Paul Frölich, die 1941 nach ihrer Flucht in New York eintrafen; während Paul wichtige politische Schriften für die Nachwelt bewahrte, packte Rosi bei einer Suchkartei für Vermisste mit an und entschlüsselte die zerrissenen Lebensfäden jüdischer Familien weltweit, um sie in der Fremde wieder zusammenzufügen. Diese lebensnotwendige Anpackmentalität übertrug sich auch auf die Generation der Kinder, wie das Beispiel des schüchternen Heinz Alfred Kissinger zeigt, der 1938 vor dem Terror aus Fürth in die Washington Heights floh. Tagsüber arbeitete der junge Kissinger in einer Rasierpinselfabrik, abends besuchte er die Schule, und geprägt durch seinen fränkischen Akzent sowie einen klaren, praktischen Verstand entwickelte er sich später zu einem der mächtigsten Gestalter der Weltpolitik. Wenn die Systeme von Hass und Gewalt beherrscht wurden, zeigte sich der wahre Wert einer Gemeinschaft an jenen Menschen, die im Verborgenen Gutes taten, da eine funktionierende Gesellschaft es sich nicht erlauben kann, einzelne Gruppen auszustoßen, ohne am Ende jeden Einzelnen zu bedrohen. In Europa hatte diese zerstörerische Realität die Vertriebenen wie ein enges Korsett eingeschnürt, das ihnen jede Luft zum Atmen nahm, wodurch oft nur noch der Weg nach vorn oder der Untergang blieb. Bei dieser Flucht standen die verarmten Arbeiter aus Berlin-Moabit plötzlich Wand an Wand mit den hochgebildeten Professoren aus bürgerlichen Bezirken wie Dahlem oder dem Grunewald, die aufgrund ihrer rein theoretischen Lebensweise völlig wehrlos gegenüber der Gewalt auf den Straßen Berlins gewesen waren und durch die Vertreibung endgültig ihren Boden verloren. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 erreichte die Verfolgung ihren grausamen Höhepunkt, da es nun um das nackte Überleben ging, was im Exil der Washington Heights im fortgeschrittenen Alter bei manchen zu tiefer Schwermut führte, wenn die Kräfte schwanden und jede Hoffnung auf eine Rückkehr erlosch. Als Polen überfallen wurde, wählten einige von ihnen in der Stille ihrer Zimmer den Freitod, um der totalen Ohnmacht zu entgehen. Diese schmerzhafte Erfahrung der Entwurzelung einte den einfachen Handwerker mit den feinsten Geistern der Epoche, wie dem großen New Yorker Verleger Alfred Knopf, der der europäischen Literatur am Hudson ebenso eine stolze Stimme gab wie der mutige Journalist Gerhart Seger, der 1934 aus einem Konzentrationslager geflohen war und in New York eine neue Bühne für den Widerstand fand. Das gleiche menschliche Ziel verfolgten jene, die alles riskierten, um Bedrängten die Flucht in die Staaten zu ermöglichen – ein Kampf, wie ihn Betsy Carter in ihrem Roman The Puzzle King über die Figur des Max Tyson beschreibt. Trotz dieser starken Gemeinschaft blieb die Anpassung an die neue Welt eine Herausforderung, denn verließ man das geschützte, deutschsprachige Viertel, stand man schnell an Straßenecken, an denen ausschließlich Englisch gesprochen wurde. Auszuwandern glich daher dem Verpflanzen einer Blume, die aus dem gewohnten Boden gerissen in den engen Mietskasernen Manhattans mühsam neue Wurzeln schlagen musste, wobei das vertraute Wohnviertel als Schutzraum gegen das drückende Heimweh diente. Am Ende bestand die eigentliche substanzielle Erfahrung dieser Auswanderung nicht aus klugen Theorien, sondern aus den ganz praktischen Dingen des Lebens: dem Druck der Fabrikschuhe auf dem Pflaster, den brennenden Händen an den Nähmaschinen und dem handfesten Hunger nach Sicherheit. Im Schatten der Wolkenkratzer sammelten sich die Betroffenen der europäischen Katastrophe zu einem neuen Bild, und ihr wichtigstes Gepäck war kein Hausrat, sondern die Sehnsucht nach Frieden und der feste Vorsatz, sich durch alle Zerreißproben durchzubeißen. Wer Deutschland damals den Rücken kehrte, tat dies mit Schmerz, aber mit dem Mut zum Risiko, um der Hilflosigkeit zu entkommen. So begann für die Mutigen ein neuer, zutiefst praktischer Alltag im Pflastergetriebe von New York.