Das Landjudentum in der Moderne
Wenn ich heute durch die überfüllten, unruhigen Straßen Berlins gehe, muss ich oft an die Zeit um 1816 denken, als unsere Familien anfingen, vom Land in die Städte zu ziehen. Ich war damals natürlich noch nicht auf der Welt, aber in meiner Kindheit auf dem Dorf haben wir die Auswirkungen dieser großen Wanderung jeden Tag gespürt. Während die jüdischen Gemeinden in den süddeutschen Kleinstädten mit weniger als tausend Einwohnern oft noch lange Zeit zusammen hielten, wurden die Dörfer in meiner alten Heimat Posen und anderen östlichen Regionen regelrecht leerer. Uns Jüngere zog es einfach in die Großstädte, weil es nur noch dort Arbeit und eine echte Zukunft gab. In Berlin wuchs unsere Gemeinschaft innerhalb weniger Generationen riesig an, sodass wir bald ein fester und wichtiger Teil des Stadtlebens wurden. In Posen war es genau umgekehrt: Dort schrumpfte unser Anteil an der Bevölkerung im Laufe der Jahrzehnte so stark, dass wir in der Masse der anderen Bewohner kaum noch auffielen. Als ich dann in den Zwanzigerjahren jung war, merkte ich schnell, dass wir jüdischen Menschen längst keine einheitliche Gruppe mehr waren. Der Glaube wurde je nach Region ganz unterschiedlich gelebt. Im Süden hielten die Alten noch verbissen an den strengsten religiösen Regeln fest, während man im Norden und Westen schon viel lockerer mit den Traditionen umging. Es ist genau das Problem, das viele Minderheiten bis heute kennen: Wie viel von der eigenen Herkunft kann man bewahren, wenn sich die Welt so schnell verändert? Auf dem Land stieß dieser Wandel auf harten Widerstand, und schon zur Zeit meiner Großeltern, so um 1870, hatte das dörfliche Zusammenleben spürbar zu kriseln begonnen. Der tiefere Grund für den Ärger in meiner Kindheit lag aber gar nicht daran, dass wir uns nicht anpassen wollten. Es war eher das Gegenteil, und das war das eigentliche Dilemma: Wir waren unseren christlichen Nachbarn oft einfach einen Schritt voraus. Jüdische Familien auf dem Land sicherten sich meist über mehrere Berufe gleichzeitig ab. Mein Vater handelte mit Vieh und Pferden, betrieb ein florierendes Geschäft für Stoffe und Kleidung, verkaufte Getreide und besaß einen kleineren Bauernhof, den er von Angestellten bewirtschaften ließ. Wir entrichteten pflichtbewusst unsere Steuern und schalteten stolz Werbeanzeigen in den lokalen Zeitungen. Unser Tag begann als gläubige Juden immer sehr früh mit dem Morgengebet, das mein Vater und die anderen Händler oft in aller Öffentlichkeit verrichteten, wenn sie auf dem Weg zum Markt oder zu den Kunden einen Moment Zeit dafür fanden. Weil das meiste Geschäft und der Handel früh erledigt waren und die Feldarbeit von unseren Angestellten übernommen wurde, hatten die jüdischen Geschäftsleute nachmittags oft Zeit für ein bürgerliches Leben, das den Bauern völlig fremd war. Man zog sich feine Kleidung an, ging im Dorf flanieren oder setzte sich gemütlich in die Gaststätten und Cafés, um Zeitung zu lesen. Zu diesem Lebensstil gehörte für uns auch ein großes Interesse an Kultur und Literatur, das es auf dem Land sonst kaum gab. Bei uns zu Hause wurden regelmäßig Hausmusikkonzerte veranstaltet, bei denen man zusammenkam, um Klassiker zu spielen und über Kunst zu sprechen. Für viele christliche Dorfbewohner, die bis zum Abend schwere körperliche Arbeit leisteten, war dieser nachmittägliche Müßiggang und der feine Bildungsdrang jedoch völlig ungewohnt und befremdlich. Dieser sichtbare Wohlstand, das Telefon und der Strom in unseren Häusern sowie der weltmännische Lebensstil sorgten im Dorf für großen Neid und erhebliche Irritation. Unsere christlichen Nachbarn nennen die Judendörfer deshalb manchmal spöttisch „Klein-Paris“ oder „Klein-Stuttgart“, weil ihnen unsere Art unheimlich war. Solche Reaktionen sieht man heute noch in Debatten über Einwanderung, wenn der Erfolg und der Bildungsdrang einer Minderheit mit Ablehnung beantwortet werden. Trotz dieser Reibungen brachten wir uns aktiv in die Gemeinschaft ein. Mein Vater engagierte sich ehrenamtlich beim Roten Kreuz und im Kriegerverein, andere machten im Sport- oder Gesangsverein mit oder halfen im Sankt Joseph Kindergarten. Politisch wählten wir fast alle demokratische Parteien wie die DDP oder die SPD, auch wenn die Behörden mancherorts bei den Wahlen noch getrennte Listen für Christen und Juden führten. Das dörfliche Leben war also keineswegs so friedlich, wie es in alten Geschichten oft romantisiert wurde. Das war unterm Strich ein falsches Bild, denn besonders nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Feindseligkeit stark zu. Wir wurden als „Christusmörder“ beschimpft und der Vandalismus machte auch vor unseren traditionellen Laubhütten keinen Halt. Gleichzeitig schrumpften die Gemeinden aus eigener Kraft, weil jüdische Paare im Schnitt nur noch ein bis zwei Kinder bekamen, während die christlichen Familien oft kinderreich blieben. Wegen des Kindermangels wurde schließlich auch meine einklassige Judenschule aufgelöst und wir wechselten auf die allgemeinen staatlichen Schulen. Dort trennten sich die Bildungswege rasch: Während die christliche Dorfjugend meist nach der Volksschule direkt in der Landwirtschaft anfing, besuchten wir jüdischen Kinder weiterführende Schulen, lernten am Realgymnasium oder gingen an die Universität. Weil die Jugend wegzog, überalterten die Gemeinden auf dem Land rasant. Ich erinnere mich an eine Zählung bei uns: Von den älteren Leuten, die zurückblieben, blieb fast die Hälfte bis ins hohe Alter ledig, weil sie im dörflichen Umkreis einfach keinen Partner mehr fanden. Und wer von uns Jüngeren blieb, brach ohnehin mit den alten Bräuchen. Wir rasierten uns die Bärte, blieben dem Gottesdienst fern und hielten die Fastentage nicht mehr ein. Stattdessen feierten wir im dörflichen Karnevalsverein mit, tanzten im Narrenverein „Fidelius“ im Gleichschritt und trafen uns heimlich mit christlichen Mädchen aus den Nachbarorten. Dieses Verhalten zeigt das universelle Dilemma, das auch heute viele junge Menschen aus traditionellen Familien kennen: Wie viel Anpassung verlangt die moderne Welt und wie viel von der eigenen Kultur möchte man bewahren? In den 1920er Jahren führte all das dazu, dass sich die jahrhundertealten jüdischen Gemeinden in den Dörfern von Franken, Hessen, Baden, Schlesien oder Württemberg fast vollständig auflösten. Die Menschen verließen ihre Heimat und zogen massenhaft in die großen Städte wie Berlin, Frankfurt am Main oder Stuttgart. Nur eine kleine Minderheit wanderte nach Palästina aus, um dort neue Städte wie Haifa oder Nahariya aufzubauen. Wir anderen sahen uns schlicht als deutsche Dorfbewohner. Auf dem Land hatte sich die Frage nach der eigenen Identität selten gestellt, weil jeder jeden kannte und der Platz in der Gemeinschaft feststand. Das eigentliche geschichtliche Drama des Landjudentums war somit, dass diese Kultur nicht erst durch die spätere Vertreibung unterging. Sie löste sich durch unseren eigenen Erfolg, den Wunsch nach Bildung und den Umzug in die Städte schon im Vorfeld von selbst auf. Die Dörfer wurden leerer, die Koffer wurden gepackt, und das traditionelle Leben auf dem Land verschwand in der anonymen Masse der Großstädte. Diese Entwicklung bleibt für mich bis heute ein wichtiges Beispiel dafür, welchen Preis Menschen für sozialen Aufstieg und den unaufhaltsamen gesellschaftlichen Wandel zahlen müssen.