Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Wie eine Geschichte entsteht

Stellt euch vor, eine Geschichte ist wie ein schönes Gewebe – ein bisschen wie die Fransen an einer Zizis oder ein wärmender Schal für den Winter. Wer eine Geschichte erzählen will, darf die Wörter nicht einfach hinwerfen. Ein Plan ist nötig, genau wie bei einem Schneider oder einem Weber. Der Geschichtenerzähler nimmt die einzelnen Erlebnisse wie dünne Fäden. Er fädelt sie ganz konzentriert ein und verknotet sie geschickt miteinander. Durch dieses dichte Netz passen alle Teile zusammen. Am Ende entsteht ein wunderbares Geflecht, in dem jeder Faden seinen Platz hat. Früher, in den langen, kalten Wintern, saßen die Menschen oft in den gemütlichen Spinnstuben zusammen. Während die Hände die Wolle sponnen, erzählten die Großen den Kleinen Märchen und Sagen. Dieses Teilen von Geheimnissen nannte sich „aus dem Nähkästchen plaudern“. Geschichten helfen uns nämlich seit jeher, das Leben zu verstehen.
In unseren heiligen Büchern finden wir die allerwichtigsten Geschichten. Sie zeigen uns, wie die Welt zusammenhält. 
Das Leben als Schicksalsfaden: Gott schenkt uns das Leben wie einen kleinen Setzling, der Wurzeln schlägt. Er gibt uns Familie, Kinder und Hoffnung. Er allein bestimmt die Länge unseres Lebensfadens. Fische im Wasser: Der große Weise Rabbi Akiba hat die Juden einst mit Fischen im Wasser verglichen. Dieses Wasser ist unsere Schrift! Ohne Wasser existiert kein Fisch. Genauso brauchen wir das Lernen und das Sich-Bemühen zum Überleben. Aus der Tiefe dieses Lesens holen sich Fleißige Gottes Wunder hervor. Die Menschenfischer: Früher arbeiteten am See Genezareth einfache Fischer wie Schimon ben Jona, Andreas, Jakob und Johannes mit großen, schweren Schleppnetzen. Aber Gott berief sie zu einer neuen Aufgabe: Sie wurden Sprecher Gottes – „Menschenfischer“! Ihre Pflicht war das Einsammeln des jüdischen Volkes aus allen Ecken der Fremde, um Seelen zu retten und die Menschen zu Gott zurückzubringen. Beim gemeinsamen Sitzen am Tisch, während der Mahlzeiten und beim Austausch von Erinnerungen knüpfen wir dieses Netz der Gemeinschaft weiter. Geöffnete Herzen und geteilte Geschichten stärken uns. So hält das Netz der Schrift unsere Familie warm und sicher zusammen.