Spritziger Zitronensaft
„Du denkst wohl, du bist unbezwingbar, Herr Doktor?“ Ich schiebe die Unterlippe vor, setze den unschuldigsten Engelsblick auf, den mein Zwillingsrepertoire hergibt, blinzle langsam und wiege mich im Hüftschwung, während ich hier daheim als wildes, ungezähmtes Pferdchen mit vollem Schwung mitten durchs Wohnzimmer galoppiere. „Ich weiß es, meine Schöne. Und ich werde dich heute noch davon überzeugen, dass ich recht habe.“ David zieht die Augenbrauen hoch, setzt seine beste, staatstragende Chefarzt-Miene auf, aber in seinen Augen blitzt dieses verdammt gefährliche, diebische Funkeln des wahren Sabras auf – jener Kaktusfrucht, die nach außen eine wehrhafte, stachlige Festung mimt, aber im Inneren vor süßem, purem Leben strotzt. „Du wirst nicht gewinnen, David. Niemals! Das Pferdchen braucht jetzt erst mal eine saftige Mohrrübe und kein langes Gerede!“, wiehre ich lachend über die Schulter, bereit für das nächste Kräftemessen mit meiner lebendigen Antwort auf das Erbe Max Nordaus. Ich ziele mit der Mehlpackung, kneife ein Auge zusammen und nehme Maß – ich gebe ihm schon ordentlich Zunder, meinem Milchbubi, da gibt es kein Pardon. Mein perfekter Unschuldsblick sitzt bombenfest. Er hat den Spießrutenlauf durch den Flur provoziert – jetzt kriegt er die Quittung. „Du triffst mich eh nicht, meine Schöne.“ Er lehnt lässig im Türrahmen der Küche, verschränkt die Arme, wirft das Kinn nach oben und grinst mich mit dieser unverschämten Sabra-Arroganz an, ein wehrhafter Muskeljude voller Stolz und vitaler Marktpräsenz. Ein unbezwingbares Pokerface. Denkt er. Eine Zehntelsekunde später fliegt eine weiße Staubwolke durch den Raum. Volltreffer auf seiner dunklen Arzthose. David keucht auf, blinzelt fassungslos durch den Mehlnebel und zieht blitzschnell beide Augenbrauen hoch. Die Chef-Diagnose lautet: Totale Eskalation. „Das schreit nach einer bitteren Lektion, mein freches Pferdchen.“ Seine Stimme wird gefährlich leise, während sich ein diebisches Grinsen in seine Mundwinkel schleicht. Er fackelt nicht lange. Er stürmt vor. Ich quietsche auf, wirbele herum, schlage Haken und versuche, im wilden Zickzack-Galopp durch unser Heim zu entkommen, hinein in den Schutzraum unserer ungezähmten Anarchie, die das europäische Korsett staubiger Konventionen einfach auslacht. Zu spät. Seine warmen, unbarmherzigen Hände packen mich ungestüm an der Taille, ziehen mich hoch und wir landen beide ungebremst in einer wilden Kabbelei mitten auf dem hölzernen Parkett. Ein gnadenloses, fieses Kneifen mitten in meine Seite. „Au! David!“ Ich quietsche auf, kneife kurz vor Lachen die Augen ganz fest zu, wirbele herum und lasse noch das Geschirrtuch klatschend gegen seine breite Brust sausen. Er legt den Kopf in den Nacken und lacht – laut, unverschämt, aus tiefster Kehle. Unser unbändiges Kräftemessen reißt uns beide völlig mit. „Gib auf! Sag, dass ich der Beste bin! Sobald ich anklopfe, musst du aufmachen!“, keucht er lachend und klopft mir dabei mit seiner großen, schweren Hand immer ganz fest, fordernd und ungestüm auf den Hintern, um seine Reviermarken zu setzen. Ich winde mich unter ihm, schüttle energisch die Mähne, lache so schallend und atemlos, dass mir die Tränen kommen, und verenge die Augen zu gefährlich funkelnden Schlitzen: „Ich küsse deinen Finger nicht, nein, das mache ich nicht! Und dein Klopfen bricht mich auch nicht! Da musst du dir schon eine bessere Belohnung einfallen lassen!“ — „Ich gewinne immer.“ Er legt den Kopf schief, die ernste Miene des Herrn Doktors bröckelt endgültig weg und er haucht mir ein sündhaft zärtliches, geflüstertes Wort direkt gegen das Ohr, bis mein ganzer Stolz in purer Körperlichkeit dahinschmilzt, während sein in der Tora geschulter Geist der Debatte sich der puren, unzensierten Leidenschaft geschlagen geben muss. Bei uns daheim gibt es keine gepflegte Langeweile oder langweiligen Vorträge. Wir stehlen uns gegenseitig die Sätze, jagen uns die Hufe heiß und feiern diesen unzensierten Wahnsinn mit Haut und Haaren. Andere Paare erblassen vor Neid vor dieser brennenden Leidenschaft unter unserem Dach. Zwei Herzen in einer Brust unter einem Dach. „Wer zieht hier eigentlich die Fäden, Herr Doktor?“ Ich schüttle mir das Mehl aus den Haaren, fixiere ihn mit einem herausfordernden, schmalen Blick und schaue provokant zu ihm auf, bereit, mein ganzes philologisches Erbe des Geistes gegen seine Tatkraft auszuspielen. Er bläht die Nasenflügel auf, macht sich extra breit und setzt sein absolut unfehlbares Gewinner-Lächeln auf. „Ich, meine Schöne. Rein wissenschaftlich bewiesen.“ — „Träum weiter, Herr Doktor.“ Ich ernte den Moment, schnippe ihm ein letztes Mehlkorn auf die Nasenspitze, schenke ihm ein zuckersüßes Haifischlächeln und schlüpfe lachend unter seinem Arm durch, um mit wehender Mähne davonzureiten. Ich schmeiße das Heim und den Alltag mit einer absoluten, unbeschwerten Leichtigkeit. Er kriegt jeden Freiraum für seine Klinik. Doch als unfehlbaren Konter auf all seine täglichen Überzeugungsversuche und seine Streiche schmuggle ich ihm heimlich kleine Elefanten-Magnete unter die Scheibenwischer seines Autos. Mitten im stressigen Dienst der stumme, süße Gruß, der seine Festungsmauern zum Einsturz bringt: Ich vergesse dich nicht. Der kühle Ökonom der Vergangenheit, dieses starre, berechnende System des alten Europa, ist längst zu Staub zerfallen. David füllt jeden Raum aus. Wenn die Welt uns dumm kommt, schlagen wir gemeinsam zurück. Er verteidigt meine ungezähmten Ecken und Kanten, meine Kindereien und meine Freiheit mit unbändigem Stolz gegen das laute, graue Rauschen da draußen. Keine Dritten, die uns stören. Unser erlösendes Gelächter sprengt jede Krise. Und wenn der Dickkopf zwischen uns doch mal zu groß wird und er mich belehren will? Auch wenn wir uns oft necken – dieses liebevolle Kräftemessen wird immer körperlich, so stiften wir Frieden. Ein scharfer Blick, ein schnelles Ziehen, ein tiefer Atemzug – und jedes logische Argument wird überflüssig. Mitten vor der bunten Magnetsammlung am Kühlschrank stelle ich die nächste Falle. Ich ziehe stumm die linke Augenbraue hoch, spanne die Stirn an und fixiere ihn gnadenlos. Mein unmissverständliches Stoppschild für seine Besserwisserei. Seine Antwort folgt sofort. Sein Blick verengt sich. Er drückt mich ungestüm gegen die Tür, seine warmen, fordernden Hände packen meine Hüften. Kein Entkommen. Er sieht mir tief in die Augen, fängt mein freches Grinsen ein und schüttelt fassungslos, aber abgöttisch liebend den Kopf, weil er genau weiß, dass er mich niemals zähmen wird. „Ich liebe dich, du verrücktes Stück Freiheit“, knallt er rau und unzensiert in den Raum. Er liebt mich aus tiefster Seele, so wie ich ihn liebe. Der Pizzateig fliegt flach übers Blech, die Küche duftet nach geschmolzenem Käse, Oregano, frischem Basilikum und verdammt viel scharfem, schwarzen Pfeffer. Wir teilen alles bedingungslos. Völlig filterfrei. Perfektes Gleichgewicht der Kräfte. Wenn die Welt sich uns in den Weg stellt und es brenzlich wird, laufen wir nicht weg. Im gemeinsamen, beschwingten Rhythmus gehen wir bedingungslos Schulter an Schulter durch jede Mauer, als ewiges, globales Versprechen, das über alle Grenzen und Geografien hinweg Bestand hat. Die Elefanten vergessen nicht.