Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Gott schuf die Mame in Maine

Vier glühende Herzen und funkelnde Augen wärmen sich in der guten Stube wie die Schneehasen in der winterlichen Kälte. Es gibt eine Stille, die bricht nicht, wenn man an ihr rüttelt. Sie ist wie das Eis im winterlichen Maine, dick, starr und für die Ewigkeit gemacht. Wenn ein Mensch denjenigen verliert, dem seine gesamte romantische Liebe galt, baut die Seele oft genau so eine Schale um sich herum. Sie tut das, um sich vor dem Schmerz zu schützen. Dabei verlernt sie das Fühlen und vergisst den Weg zurück ins Licht. Doch dieses Licht kehrt nicht von alleine zurück. Man muss es entzünden. Wenn wir in die Geschichte der Familie Millay blicken, finden wir einen Schlüssel. Dieser Schlüssel durchdringt selbst die härtesten Panzer ganz sanft. Es ist die Geschichte einer Liebe, die zerbrach, einer Mutter, die kämpfte, und eines Hofnarren, der ein leises Wort in den Wind flüsterte. Um zu verstehen, wie man nach einem so tiefen Verlust weiterlebt, muss man zu Cora Buzzell Millay blicken. Sie war eine Frau, die die romantische Liebe zutiefst konnte und lebte. Sie liebte ihren Mann Henry, denn er war charmant, gebildet und ihr im Gleichklang der Seelen verbunden. Doch Henry war ein Glücksspieler. Seine Spielsucht bedrohte die Existenz der Familie. Cora stand vor den Trümmern ihrer Ehe. Sie wagte schließlich den Schritt, sich scheiden zu lassen. Es ging ihr darum, das Leben ihrer drei kleinen Töchter zu retten. Was von diesem Tag an in der Familie fehlte, war nicht der spielsüchtige Mann, der sie an den Abgrund gebracht hatte. Es fehlte das schmerzhaft vermisste Ideal eines Vaters, der schützende Fels, der Henry im Gleichklang der Seelen hätte sein sollen. In einer Ära, die geschiedene Frauen ausgrenzte, wurde Cora zu einer Löwin voller Kraft und Beschützerinstinkt. Ihr Lebensstil war jiddisch geprägt von jener Überlebensenergie, die keine Opferrolle duldet. Cora war eine echte, wahrhaftige Emeser Mame, eine Mutter, die für die nackte Wahrheit und die bedingungslose Aufopferung stand. Gott konnte nicht überall sein, darum schuf er die Mütter. Trotz allem Kitschkribbeln, das dieses Wort heute auslösen mag, trifft es den Kern ihrer Seele. Sie war eine Instinktmutter. Sie stellte sich mit Entschlossenheit schützend vor ihre drei verletzlichen Kälbchen, um sie vor der Kälte und dem Ruin der Welt zu schirmen. Nach einer harten Übergangsphase baute sie aus den Trümmern im Alleingang ein neues Fundament. Sie renovierte mit eigenen Händen eine baufällige Hütte im Armutsviertel. Sie flickte Perücken bei billigem Kerzenlicht, um Essen zu kaufen. Genau in diese Düsternis brachte Cora das Licht hinein. Sie tat es mit einer Anpackmoral. Sie brachte ihren Kindern das Eckenspiel beim Putzen bei. Bei diesem Ritual arbeiteten sich die Mädchen von den Raumecken zur Mitte vor. Im vereinten Zentrum feierten sie dann gemeinsam im goldenen Abstechen den Triumph über den Schmutz und die Härte des Lebens. Als Emser Mame spendete Cora ihren Kälbchen eine unerschütterliche Wärme. Sie sparte trotz bitterer Armut niemals an Büchern oder Musik. Sie bewies, dass eine Löwin im tiefsten Winter ein unzerstörbares Feuer entzünden kann, um ihre Brut zu wärmen. Jahre später saß ihre älteste Tochter Edna am Küchentisch dieser von Cora erhellten Hütte. Sie goss den Schmerz ihrer Eltern und ihre eigenen Verluste in Zeilen von ungeschönter Eleganz. Ihr bekanntestes Liebesgedicht liefert die exakte Beschreibung eines Mannes, der die Liebe vergessen hat. Er steht wie ein einsamer Baum im Winter da. Seine Äste sind schweigender und kälter als je zuvor, weil der Sommer, der einst in ihm sang, nun verstummt ist. So steht im Winter nun der kahle Baum und weiß nicht, welch ein Vogel ihm entflog, doch spürt, dass seine Äste stiller sind. Ich weiß nicht, was an Liebe kam und zog, ich weiß nur, dass ein Sommer sang in mir ein Weilchen lang, der nun nicht mehr erklingt. Doch dieser Baum lebt noch, und seine Wurzeln stecken tief in der Erde. Wie der Hofnarr Fidelio aus Ednas Stück über die Lampe und die Glocke tritt die Poesie ganz leise an die Seite dieses schweigenden Herzens. Sie nimmt metaphorisch seine Hand und flüstert ihm ein tief mitfühlendes, zärtliches Godspeed, Godspeed zu. Edna wusste genau, was es bedeutet, vom Löwenherz einer so unbeugsamen Emser Mame beschützt und gepflegt worden zu sein. Nach dem Tod von Cora blickte sie auf deren hinterlassene goldene Brosche. Sie erkannte, dass kein weltlicher Besitz den wahren Schatz ersetzen kann, den ihre Mutter ihr vorlebte. Es war jener feste Mut, den Cora wie Granit aus den Hügeln in sich trug. Den Mut, den meine Mutter hatte, nahm sie mit sich, er ist bei ihr noch jetzt. Er ist aus Neuengland gebrochner Felsengrund, nun Granit, der im Granithügel ruht. Die goldene Brosche, die meine Mutter trug, ließ sie zurück, damit ich sie nun trage. Ich habe nichts, was ich so sehr vermag zu lieben, und doch, ich gäbe sie ohne Klage. Oh, hätte sie mir stattdessen bloß vererbt, was sie mitnahm in ihr tiefes Grab. Diesen Mut wie ein Fels, den sie dort unten nicht mehr braucht, und den ich so nötig hab. Dieser Text ist für diesen einen Mann bestimmt. Er soll wissen, dass es keine Schande ist, wenn der Sommer in ihm gerade schweigt. Er darf sich an Coras Anpackmoral, ihren mütterlichen Schutz und das Licht erinnern, das sie selbst in die tiefste Dunkelheit brachte. Das hilft ihm, in einer kleinen, staubigen Ecke seiner Seele neu anzufangen und sich das goldene Abstechen gegen die Einsamkeit zurückzuholen. Gemeinsam zeigen Edna und Ezra Pound den Weg ins Morgen. Man muss das Alte nicht vergessen, aber man darf das Leben neu machen. Man kann den jiddischen Überlebenswillen aktivieren und die harten Schalen durchbrechen. Das Lied ist nicht vorbei. Es wartet als tiefer Granit in ihm darauf, den nächsten Frühling zu tragen. Die Frauen kommen ja bestens alleine zurecht. Die Butter, das Wasser, das Brot steht auf dem Tisch und wartet auf ihre fleißigen Frauen und treue Augen, die sich zu ihnen gesellen.