Auftakt: Auf der Suche nach der tragbaren Jiddischkeit
Dieser Lesesalon lädt zu einer Entdeckungsreise durch den Lebensweg des jüdischen Volkes im Übergang zur Moderne ein. Die Chronik begleitet Spuren, die heute fast in Vergessenheit geraten sind. Auf den Migrationswegen aus der ländlichen Enge Frankens und des Surbtals in die urbanen Zentren von Berlin und New York beleuchten die Berichte das Dilemma zwischen gesellschaftlicher Anpassung und dem Erhalt der eigenen Herkunft. Beim Betreten dieser Sammlung begegnet der Leser der Frage, wie das jiddische Wort, die Intimität der Partner und das Prinzip des „Trotzdem“ zu einem tragbaren Zuhause werden, sobald Sicherheiten und Territorien verloren gehen. Die Texte erzählen Geschichten aus dem jüdischen Alltag – mal rauer auf nacktem Asphalt, mal bürgerlich am Kaffeetisch, aber immer getragen von einer unerschütterlichen Lebenskraft. Das gemeinsame Erbe wirkt dabei wie eine Stimmgabel, die mitten im Lärm der Welt den reinen Ton der eigenen Identität vorgibt. Ob beim flanierenden Landjudentum, in den intimen Ateliers von Paris oder inmitten des Zeitungstrubels von Washington Heights – überall zeigt sich das pralle Leben. Geleitet von der ungeschminkten Ehrlichkeit moderner Stimmen aus Queens schließt sich hier der Kreis. Was in heutigen Debatten so neu erscheint, wurde in der jüdischen Geschichte schon oft durchlebt. Dieser Lesesalon bildet den Rahmen für eine Exkursion durch eine vielstimmige Kultur, die jede einengende Ordnung überdauert.