Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?
Ein Blick auf Frau Honigmann
Wer das Werk von Barbara Honigmann verstehen will, begegnet einer Künstlerin der bewussten Entscheidung. Ihre Identität ist kein starres Schicksal, sondern ein radikaler Aufbruch gegen den Strom der eigenen Herkunft. Aufgewachsen als Kind jüdischer Rückkehrer im Ostberlin der Nachkriegszeit, verweigerte sie sich früh der verordneten Anpassung des sozialistischen Alltags. Das Schreiben und die Malerei wurden ihr zu Werkzeugen einer existenziellen Selbstbefragung. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter, der durch die Annahme ihres Nachnamens ein klares Zeichen des Bruchs mit der eigenen väterlichen Linie setzte, wagte sie im Jahr 1984 den großen Schritt. Dieser Umzug nach Straßburg wurde zum sprichwörtlichen dreifachen Salto mortale ohne Netz. Es war der Übergang vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und von der vollständigen Assimilation direkt hinein in ein lebendiges, traditionelles Thora-Judentum. Im Straßburger Exil fand sie in der eigenen Straße einen neuen Halt. In Werken wie Chronik meiner Straße und Am Sonntag spielt der Rabbi Fußball beschreibt sie das konkrete Zusammenleben verschiedener Kulturen im Kleinen. Sie zeigt uns, wie jüdischer Alltag in der Diaspora ganz praktisch gelebt wird, fernab von harmonisierendem Kitsch oder großen politischen Reden. Ihre Romane bilden dabei eine chronologische Erkundung dieses Weges vom Kind zur eigenständigen Frau. Im Roman von einem Kinde tastet sich die Erzählung behutsam durch die Erinnerung an das Aufwachsen in Berlin, immer im Schatten der unsichtbaren Traumata der Eltern. In Alles, alles Liebe! blickt sie als reife Frau im Briefroman zurück auf die jugendlichen Verstrickungen und den künstlerischen Aufbruch in der engen Berliner Theaterszene der siebziger Jahre. Der radikalste Bruch folgt in Eine Liebe aus nichts. Berlin wird verlassen, und im französischen Exil durchschreitet eine junge Frau die Phase der Leere und Isolation, um zu einer tiefen inneren Unabhängigkeit zu finden. Diese Entwicklung mündet in Soharas Reise schließlich in die Reife einer mehrfachen Mutter, die sich aus einengenden, patriarchalischen Strukturen befreit und ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Auch die Beschäftigung mit der eigenen Mutter Litzi Friedmann in Ein Kapitel aus meinem Leben und die feinsinnige Annäherung an alte Bindungen in Bilder von A. zeigen eine Autorin, die das Erlebte im Schreiben verändert. Sie sucht ohne falsches Pathos nach einer allgemeingültigen Wahrheit. Dabei wehrt sie sich stets dagegen, ihre Texte in starre literarische Gattungen pressen zu lassen. Sie begreift ihre Arbeit vielmehr als eine Sammlung biografischer Fragmente, die die Wirklichkeit ungeschönt einfangen. In vollkommener Balance zu diesem literarischen Werk steht ihre Malerei. Sie ist keineswegs nur ein Nebenbeigeschäft, sondern eine visuelle Fortsetzung ihrer Texte mit Pinsel und Ölfarbe. In einem bewusst privat-häuslichen, figurnah-einfachen Stil hält sie die dichte Gegenwart ihres Alltags fest. Sie malt vollgestopfte Bücherregale, Notizbücher oder Porträts der Menschen aus ihrer Umgebung. Diese Gemälde nutzt sie sogar als Umschlagbilder für ihre eigenen Romane, was die Untrennbarkeit von Wort und Bild besiegelt. Diese schöpferische Alltagsgegenwart ist eng mit ihrer Ausbildung als Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin verknüpft. Sie begreift ihr gesamtes Umfeld und das familiäre Zusammenleben wie eine lebendige, offene Bühne. Hier fließen Kunst, das Altern und die Tradition ununterbrochen ineinander. Das einstige Berliner Theater hat sich so in ein gelebtes Gesamtkunstwerk verwandelt. Diese künstlerische Spurensuche findet ihre direkte Entsprechung in ihrer realen Familiengeschichte, die sie in ihrem Aufsatz über die Generationen der Männer rekonstruiert. Die Geografie dieser Ahnenlinie zeichnet eine weite Karte des Überlebens, die sich über Wien, London, Moskau, Riga und Jerusalem erstreckt. Ihr Großvater, der jüdische Internist Georg Honigmann, begründete eine weitverzweigte Intellektualität. Zu dieser Familie gehört auch sein Sohn, der bedeutende britische Shakespeare-Gelehrte Ernst Anselm Joachim Honigmann, als leiblicher Onkel. Barbaras Vater, ebenfalls Georg Honigmann, kehrte nach dem Londoner Exil gemeinsam mit ihrer Mutter bewusst nach Ostberlin zurück, getrieben von der kommunistischen Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft. Das Aufwachsen im Schatten dieser schillernden Eltern war besetzt von realen und unsichtbaren Geistergestalten. Der berühmte britische Doppelagent Kim Philby, erster Ehemann ihrer Mutter, blieb in der Familienerzählung eine legendäre Projektionsfläche, während Barbara die spätere Ehefrau ihres Vaters, die Brecht-Interpretin Gisela May, als kühle, professionelle Präsenz im Theatermilieu ihrer Jugend erlebte. Als Jüdin der zweiten Generation nimmt sie dieses komplizierte, von Illusionen und Brüchen gezeichnete Erbe ihrer Familie an. Sie blickt aus der geografischen Distanz Frankreichs auf das ferne Deutschland zurück und unterstreicht dabei unermüdlich ein wesentliches Paradoxon. Sie schreibt ausschließlich auf Deutsch, weil diese Sprache für sie die einzig wahre Heimat bleibt, selbst wenn sie untrennbar mit der Kultur verbunden ist, die das jüdische Leben vernichten wollte. Mit dieser Haltung leistet sie einen unschätzbaren Beitrag für das Judentum und die Völkerverständigung. Für das Judentum bedeutet ihr Werk eine Befreiung aus der reinen Opferrolle, indem sie zeigt, wie jüdische Identität im Nachkriegseuropa positiv, lebendig und unverschämt gegenwärtig sein kann. In Fragen der Verständigung verweigert sie sich jedem bequemen Kitsch. Ihr Werk beweist, dass wahre Annäherung nur gelingt, wenn man das Fremde und die historischen Risse respektvoll erträgt, anstatt sie glatt zu bügeln. Für dieses unbestechliche literarische Engagement gegen das Vergessen wurde sie auch mit dem Jeanette-Schocken-Preis gewürdigt. Barbara Honigmann lässt die Widersprüche einfach nebeneinander stehen und verwandelt sie so in eine bleibende literarische Heimat aus Worten.