Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

A Bett-Mayse von sehenden Augen und blinden Herzen

„Eine Mutter weiß, wie man das Licht der vergangenen Generationen in die Seele ihres Kindes gießt, noch bevor die Welt es zu blenden versucht.“ Das Zimmer liegt im sanften Halbdunkel, nur das warme Licht einer kleinen Öllampe tanzt an der Wand. Draußen singt der Wind die Lieder eines neuen Landes – weit, weit weg auf der anderen Seite des großen Meeres, des großen Yam. Aus dem Nebenzimmer dringt das monotone, leise Klicken einer Computertastatur. Es ist Chaschwi, Esters Mann. Er sitzt wie fast jeden Abend tief in seine Arbeit versunken vor dem Bildschirm, gefangen zwischen Zahlen und Fristen. Er wird diese Geschichte heute nie zu hören bekommen, weil er erst viel zu spät ins Bett kommen wird, wenn die Lichter längst erloschen sind. Hier drinnen, auf der großen Matratze, herrscht jedoch noch unruhiges Leben. „Lass los, Yosele! Der gehört mir!“, zischt Darile und zerrt mit beiden Händen an dem abgewetzten linken Ohr eines alten, braunen Stoffbären namens Marli. „Gar nicht wahr, ich hatte ihn zuerst!“, kontert Yosele, stemmt die Füße gegen die Matratze und reißt das Plüschtier energisch an sich. Vor lauter Übermut beugt er sich vor, sperrt den Mund auf und beißt Marli mit aller Kraft tief in das weiche, abgewetzte Stofföhrchen. „He, ihr zwei Rabauken“, greift Ester sanft, aber bestimmt ein. Sie setzt sich mitten zwischen die beiden Streithähne und legt jeweils eine Hand auf die kleinen Hände, die das Stofftier umklammern, während sie Yosele sanft von Marlis Ohr wegzieht. „Was ist das für eine Chuzpe? Guckt euch den armen Kerl doch mal an. Dem habt ihr doch sowieso schon ein Auge ausgerissen. Und jetzt beißt du ihm ins Ohr, Yosele? Glaubst du etwa, die Watte da drinnen spricht zu dir?“ Die Brüder lassen den Bären langsam los. Er ploppt genau in die Mitte auf die Decke. Aus seinem pelzigen Gesicht starrt ein einzelner, glänzender schwarzer Knopf. Auf der anderen Seite baumeln nur ein paar lose Fäden. Ein blinder Bär. „Wollt ihr ihm jetzt auch noch die Ohren abreißen oder mit ihm sprechen wie Lázaro mit dem Steinstier?“, fragt Ester leise. „Mit einem Stier sprechen?“, fragt Yosele, der den Blick nicht von dem einäugigen Bären abwendet. „Das ist doch eine Torheit, Mame. Wer spricht denn mit Stein?“„Genau so eine Torheit wie dein Biss in Marlis Ohr, mein gieriger Schelm“, flüstert Ester und zieht die Decke über ihre vier kleinen Füße. „Aber ein Schlemiel, der sich um einen blinden Bären streitet, versteht diese Mayse sowieso nicht. Die ist nur für kluge Köpfe, die zuhören können. Wie die Buben in Toledo, in der warmen Shul zur Zeit des weisen Königs Alfons.“ Darile rutscht sofort ein Stück näher an Ester heran und schiebt den Teddy heimlich ein paar Zentimeter auf seine Seite. „Ich bin klug, Mame. Erzähl. Was hat der Junge mit dem Stier gemacht?“ „Lázaro war vaterlos und naiv“, raunt Ester, während sie Darile sanft durch die Locken streicht. „Seine Mutter musste schwer schuften und übergab ihn schließlich einem neuen Herrn. Einem Mann, genau wie euer Bär Marli hier. Einem Blinden. Gleich am ersten Tag, stellt euch vor, kommen sie an eine große Brücke vor den Toren der Stadt. Da steht ein mächtiger Stier aus Stein. Und der Blinde raunt dem Jungen zu...“ Ester beugt sich ganz tief hinab, lässt ihre Stimme plötzlich tief, rau und unheimlich grollen: „‚Lázaro, leg dein Ohr ganz nah an den Stein, du wirst darin ein großes Wunder hören. Es spricht zu dir.‘“ Darile kneift die Augen zusammen und schaut den Stoffbären an, als wäre er das gefährliche Steintier. „Und Lázaro war genau so töricht wie Yosele? Er hat das gemacht?“ „Ja, er hat die Statue im blinden Gehorsam angesprochen und gelauscht“, ruft Ester mit einer leichten, fast schwebenden Stimme, während sie den Bären sanft bewegt. „Er legt das Ohr an das kalte Gestein – und BAM!“ Ester stupst mit dem weichen Kopf des Teddys ganz sachte gegen Yoseles Stirn. Yosele duckt sich lachend weg. „Im nächsten Moment schlägt der Blinde den Kopf des Jungen mit voller Wucht gegen den Stein! Dem armen Lázaro dröhnten die Ohren! Aber weißt du, wie der Blinde gelacht hat?“ Ester verstellt das Gesicht, macht eine boshafte Fratze und krächzt mit fieser, tiefer Stimme: „‚Lázaro, mein Kläckchen, du musst ein Stück schlauer sein als der Teufel, wenn du in dieser Welt bestehen willst!‘“ „Das ist fies!“, beschwert sich Darile und zieht den blinden Teddy jetzt ganz zu sich an die Brust, um ihn zu beschützen. „Der Biss in Marlis Ohr tat doch gar nicht weh. Aber der Blinde war grausam!“ „Es war das Ende seiner Kindheit“, erwidert Ester, zieht ihre Stimme wieder ins Leichte hoch und dämpft sie geheimnisvoll. „Der Blinde war ein schrecklicher Geizkragen. Er sperrte das Essen weg. Er dachte, weil er blind ist, merkt er nichts. Aber Lázaro war hungrig. Er hat dem Blinden die Weisheit nicht einfach geglaubt, er musste sie ihm mit den Augen stehlen. Er bohrte heimlich ein Loch von unten in den Weinkrug des Blinden und fing die Tropfen mit dem Mund ab. Er stahl die Würste vom Feuer und steckte eine faule Rübe auf den Spieß!“ „So wie du mir vorhin das Ohr vom Teddy wegnehmen und anbeißen wolltest!“, flüstert Yosele und stupst Darile in die Seite. „Gar nicht! Ich wollte ihn nur halten!“, verteidigt sich Darile, aber er muss kichern. „Seht ihr“, sagt Ester leise und legt ihre Arme um beide Brüder, sodass der Teddy nun friedlich zwischen ihnen eingeklemmt ist. „Lázaro hielt die Augen weit offen. Er begriff, dass man manchmal den Spieß umdrehen muss, um im Leben zu bestehen. Er wurde am Ende schlauer als sein eigener Meister. Er lernte zu sehen, wo andere blind waren.“ Yosele gähnt leise, und auch Darile werden die Augenlider schwer, während der Streit um den Bären längst vergessen ist. „Sind sie noch lange weitergewandert, Mame?“ „Gewandert und gewandert, durch ganz Spanien, über Berge und durch tiefe Täler“, flüstert Ester wieder mit ihrer ganz natürlichen, sanften Stimme. Sie beugt sich tief vor und drückt erst Yosele und dann Darile einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. „Und genau wie Lázaro gelernt hat, wachsam und mutig zu sein, so sind auch unsere Ahnen gewandert, bis hierher zu uns. Weißt du, mein kleiner Darile, du trägst einen ganz großen Namen. Im Talmud steht geschrieben, dass die berühmte Königin Ester ihren Sohn Darius mit so viel Weisheit erzog, dass er ein großer Beschützer des Volkes wurde. Genau so erzähle ich euch beiden diese Mayses, damit euer Herz klug, stark und ein bisschen schlau wird. Und jetzt macht die Äuglein zu.“ Ester deckt die Jungen samt dem braunen Bären fest zu. Sie nimmt das Plüschtier noch einmal sachte und dreht es um. Nun blickt sein einziges, glänzendes Knopfauge liebevoll auf die schlafenden Brüder, während seine blinde, vernähte Seite genau auf den hellen Türspalt zeigt – dorthin, wo im kalten Licht des Bildschirms noch immer das leise Klicken der Tastatur zu hören ist. Ester lächelt, bläst die kleine Öllampe aus und flüstert den letzten Gruß in die Dunkelheit: „Schlaft jetzt, meine Chaver. Saj gesunt!“