Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Vergiss mein nicht!

Denn stark wie der Tod ist die Liebe, und so begann es als eine endlose Tournee, eine rauschhafte Choreografie über die großen europäischen Bühnen und durch viele Wanderungen, als das Leben uns noch mit dem Applaus für gefeierte Stars krönte. Doch mit dem Aufstieg der Faschisten brach in Italien die Jagd auf uns aus; die Musik verstummte, und unser stolzes Ensemble zerfiel in bittere Armut. Am Ende stand ein grausamer, erzwungener Rollenwechsel: Ich wurde gedemütigt, musste die Sprache unserer Jäger übersetzen, während mein Mann, nur auf sein eigenes Rampenlicht bedacht, das Stück verließ und auf nimmer Wiedersehen von dannen zog. Er ließ mich im dunkelsten Akt mit drei kleinen Kindern sitzengelassen zurück, nachdem wir zuvor schon ein Kind abgeben mussten. Als mein Körper und mein Geist der Erschöpfung erlagen, verließ mich die Kraft für die nächste Pose; ich brach zusammen. In meiner tiefsten Not vertraute ich meine drei Kleinen einer Jugendlichen namens Ida an, die ihnen zur schützenden Partnerin wurde und sie rettete. Aus diesem finalen Sturz wachte ich nie wieder auf. Mein achtjähriger Sandro gab mir einen letzten Kuss, bevor mein Vorhang fiel, während mein Mann nie wieder auf die Bühne zurückkehrte. Von dort, wo ich jetzt bin, sehe ich, wie sich die Wege meiner Familie endgültig trennten, als mein Ältester sich aus unserem gemeinsamen Kreis löste, fortan nichts mehr mit seinen Geschwistern zu tun haben wollte, seinem Vater in den Katholizismus folgte und den Schritt zurück zum Judentum nicht mehr fand. Meine drei jüngeren Kinder jedoch schlugen sich tapfer nach Palästina durch und halfen mit der Disziplin ihres Überlebenswillens, Israel als jüdische Menschen im gelobten Land aufzubauen, wo meine Mädchen heute ein glückliches Leben in Balance zu führen scheinen. Mein Sandro wählte den schwersten, einsamsten Weg dieser inneren Suche; heutzutage nennt er sich in der neuen Heimat Hirsch und begann, unsere Familiengeschichte in einem Roman akribisch zu rekonstruieren, indem er tief in seine eigene Seele blickt und unsere privaten Briefe sowie seine Recherchepapiere wie ein strenges Korsett als Rahmen für diese Introspektion nutzt. Lange verbarg er sich hinter einer kühlen, hyperrationalen Fassade, denn all die Tränen, die er als Junge nicht weinen durfte, waren zu Steinen in seinem Herzen geworden, doch es tröstet mich zutiefst zu sehen, dass ihm diese schmerzhafte Aufarbeitung der Dokumente nun hilft, die innere Erstarrung zu lösen. Indem er unsere Geschichte niederschreibt, weint er diese Tränen endlich, verwandelt die Steine seines Herzens und findet Schritt für Schritt ein wenig Versöhnung mit der Vergangenheit. Doch jedes Drama fordert die Stimmen des gesamten Ensembles, und so hallt mein eigener Gesang durch die leeren Ränge der Erinnerung, ich, Stefan, der Opernsänger, dessen Leben kein Tanz im sanften Licht war, sondern ein brutaler Kampf um die nackte Existenz auf den Brettern, die das Schafott bedeuteten. Als die Welt aus den Fugen geriet und die braune Flut die Theater flutete, gab es für mich keinen Platz mehr für Sentimentalitäten; ein Künstler ohne Bühne ist ein Toter, und meine Annäherung an die Machthaber war kein Verrat, sondern der verzweifelte Versuch, das Einzige zu retten, was mir geblieben war: meine Stimme und mein Überleben in einem sterbenden Europa. Ich floh nicht aus Feigheit, sondern weil ich dem unbarmherzigen Gesetz der Selbsterhaltung folgte, als der Applaus verhallte und nur noch das dumpfe Marschieren der Stiefel zu hören war, und so zog ich von dannen, hinein in das Vergessen, unfähig, die Last einer kranken Familie und das Schicksal von Kindern zu tragen, deren Untergang mein eigenes Ende besiegelt hätte. Ich ließ sie zurück in der Dunkelheit, doch mein Blut und mein Erbe lebten weiter in Romolo, meinem Ältesten, dem Erstgeborenen, der als Adoptivkind in der Obhut der Kirche eine neue, fremde Heimat fand. Ich, Romolo, blicke heute auf die Trümmer dieser Identität und spüre keine Seelenverwandtschaft zu jenen Geschwistern, die im fernen Palästina eine neue Welt errichteten. Ich wählte das schützende Gewand des Katholizismus, hüllte mich in das Schweigen der Altäre und wollte mit der jüdischen Tragödie meiner Herkunft nichts mehr zu tun haben, denn mein Überleben war an das Vergessen geknüpft, an die bewusste Abkehr von einer Familie, die mir nur noch als schmerzhafter Schatten erschien. Während Sandro im gelobten Land seine Akten wälzt, die Briefe seziert und versucht, die Wahrheit aus den staubigen Papieren zu pressen, bleibe ich der italienische Katholik, der das Schweigen wie ein heiliges Gelübde hütet, denn auch mein Herz ist zu Stein geworden, doch im Gegensatz zu meinem Bruder suche ich keine Tränen, um es zu schmelzen; ich fordere nur mein Recht auf meine eigene, ungestörte Wahrheit in dieser zerrissenen Chronik. Aber ein Ballett endet nicht im donnernden Fortissimo der Männer, sondern in der feinen, unerschütterlichen Symmetrie derer, die im Hintergrund das Fundament hielten, und so gehört der letzte Satz uns, den beiden Schwestern, die leise geblieben sind, während die Brüder ihre Kriege mit der Wahrheit führten. Was wir dazu sagen? Wir sagen, dass das Leben weitergeht, jenseits der Archive, jenseits der Bitterkeit und jenseits der Akten, die Sandro mit so viel Schmerz seziert hat. Während unsere Männer sich in Rechtfertigungen und Rekonstruktionen verloren haben, haben wir einfach gelebt, haben im neuen, sonnigen Land Familien gegründet, Kinder großgezogen und den Boden bestellt. Wir brauchten kein Korsett aus alten Briefen und keine kalte Introspektion, um mit dem Schrecken von damals Frieden zu schließen. Sandro mag die Steine seines Herzens mit Tinte geschmolzen haben, und unser Vater mag seine Stimme gerettet haben, aber wir haben unsere Herzen schlicht geöffnet für das Licht der Gegenwart. Wir tragen die Narben von Idas Klöstern, die Armut und den Verlust unserer Mutter als stummes Erbe in uns, aber wir blicken heute in die Augen unserer eigenen Kinder und Enkelkinder, die hier im warmen Sand aufwachsen und lachen. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass unsere Linie nicht ausgelöscht wurde. Wir sind jüdische Frauen im gelobten Land, und im unbeschwerten Laufen dieser neuen Generation liegt die schönste Form der Versöhnung – ein stiller, glücklicher Triumph, der die Dunkelheit von einst endgültig besiegt hat, denn wir wissen: Od javou jamim tovim joter.