Zwischen Bella Figura und Shoah
Im Jahr 1915 traf die Schülerin Elise Hirschmann eine Entscheidung, die den ungeschriebenen Gesetzen ihrer Welt widersprach. In den Kreisen des gehobenen Berliner Großbürgertums galt es für eine Tochter aus gutem Hause als unschicklich, für die Tagespresse zu schreiben. Zum Schutz vor den Konventionen ihrer Familie wählte sie das Pseudonym Gabriele Tergit. Der Name besaß eine fast prophetische Symbolik, denn er erinnerte an das Wort Gitter. Es war der leise Vorbote für ein Leben zwischen gesellschaftlichen Zwängen und der bitteren Enge des Exils. Wenn Elise Reifenberg heute aus dem Jenseits auf den Literaturbetrieb blickt, nutzt sie kein weich zeichnendes Pathos. Ihr Blick bleibt exakt so, wie er ab 1925 in den Gerichtssälen von Moabit geschult wurde: nüchtern, protokollarisch und rasant. Aus der Distanz der Ewigkeit betrachtet sie die jenseitige Ruhe nur als eine Unterbrechung des Rotationspressen-Takts, den sie beim Berliner Tageblatt zeitlebens im Blut hatte. Als Tochter des Kabel-Industriellen Siegfried Hirschmann war sie im Zentrum einer vollkommen assimilierten Oberschicht aufgewachsen. Der Vater hatte 1890 die Deutschen Kabelwerke gegründet, deren Hallen an der Boxhagener Straße Tausende beschäftigten und mit der Produktion des Kleinwagens Cyklonette den frühen deutschen Automobilbau prägten. Ab 1925 vermaß Tergit die Metropole in ihren härtesten Kontrasten. Tagsüber protokollierte sie das nackte Elend und die brutalen Straßenschlachten im proletarischen Osten der Stadt. Abends kehrte sie in das privilegierte Westend zurück, wo sie 1928 den Architekten Heinrich Reifenberg heiratete. Diese scharfe journalistische Nahaufnahme des Berliner Medienbetriebs mündete um die Jahreswende 1931/1932 in ihrem ersten großen Erfolg mit dem Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Das intime Wissen um die Wohnzimmer, die Mentalität und das Geld ihrer eigenen Klasse bildete das Fundament für ihr eigentliches Lebenswerk, den neunhundertseitigen Familienroman Die Effingers. Der Lebensweg der zentralen Unternehmerfigur Paul Effinger spiegelt dabei exakt den Aufstieg von Tergits Vater wider. Die fiktive Chronik setzt im Jahr 1878 im unerbittlichen Takt der Maschinen ein. Der junge Paul Effinger verlässt die beschauliche Uhrmacherei seiner süddeutschen Heimat Kragsheim, um sich dem Drang der Massenproduktion im fiebrigen Berlin zu verschreiben. Lokomotiven, Schrauben und Automobile diktieren fortan das Tempo der expandierenden Stadt. Alte Wohnhäuser fallen, während moderne Geschäftshäuser mit wuchtigen Ecktürmen emporwachsen. Sichtbares Denkmal dieses wirtschaftlichen Erfolgs wird das herrschaftliche Haus am Tiergarten im Besitz der Bankiersfamilie Oppner. Fünfzig Jahre lang bilden die dortigen Sonntagsgesellschaften das schwerfällige Herzstück einer weitverzweigten Dynastie aus Goldschmidts, Oppners und Effingers. Man debattiert beim gemeinsamen Braten beharrlich über Politik, während sich die Welt draußen unaufhaltsam weiter dreht. Hinter dieser glanzvollen Fassade dekonstruiert Tergit jedoch das grausame Prinzip der Bella Figura, das Gesetz, nach dem der Schein stets vor dem Sein steht. Das assimilierte Bürgertum prallt fortwährend an der unsichtbaren, harten Mauer des preußischen Adels ab. Man macht glänzende Geschäfte miteinander, doch privat bleibt das Casino für die jüdischen Unternehmer gesperrt. Ihr Kapital wird für Kriege und Eisenbahnen gern genommen, die echte Zugehörigkeit jedoch verweigert. Aus dieser Ausgrenzung erwächst eine fatale Naivität, die sich wie ein roter Faden durch die Salons zieht. Während auf den Straßen der Antisemitismus eskaliert, dämpft man drinnen die Geräusche ab, schimpft auf die Straßenschläger und feiert Deutschland weiterhin als unantastbaren Kulturstaat, dessen Vernunft letztlich siegen werde. Hochmütig blickt man auf die ärmeren Einwanderer im Scheunenviertel herab und vertraut blind auf die absolute Schutzfunktion von Wohlstand und Bildung. Einzig Marianne verliert ihre Illusionen früh; sie spürt das dünne Eis unter den Füßen der Bourgeoisie. Sie bricht mit der starren Ordnung der älteren Generation, die den Status stets über die Seele stellt. Es ist eine unerbittliche Etikette, an der ihre Cousine Sophie zerbricht. Weil Sophie einst einen Liebesbrief ohne Anstandsdame empfing, wurde ihr Stolz im Internat gebrochen. Sie erleidet eine bleibende emotionale Amputation und altert als exzentrische, einsame Malerin. Während die Väter allmählich die wirtschaftliche Kontrolle verlieren, nutzen vor allem die Töchter den Freiraum zur Emanzipation. Marianne kämpft in der Frauenbewegung und wandert konsequent nach Palästina aus, um im Kibbuz zu leben. Ihre Cousine Lotte Goldschmidt flieht in die avantgardistische Theaterwelt und arbeitet erfolgreich als Schauspielerin, womit sie zum Symbol der Neuen Frau wird. Die Männer der Zeit wirken dagegen wie schablonenhafte Zerrbilder bürgerlicher Dekadenz. Pauls Enkel James lebt als zielloser Dandy, während sein Bruder Herbert sich in kriminelle Bankgeschäfte verstrickt, verstoßen wird und nach einer Internierung auf der Isle of Man als einfacher Tankwart in New York endet. Wie berechtigt Mariannes frühe Warnung war, zeigt sich, als im Jahr 1942 die Sollbruchstelle endgültig aufbricht. Die Vertreibung wird total, und die Spuren einer ganzen Kultur sollen ausgelöscht werden. Mit achtzig Jahren zieht Paul Effinger kurz vor seiner Deportation in einem Abschiedsbrief eine erschütternde Bilanz. Seine Sprache ist nackt, durchdrungen von einer sachlichen, fast kühlen Einsamkeit. Reichtum erweist sich nun als Irrtum, der Humanismus als Chimäre und das eigene Leben als verfehlt. Seine Frau Annette entgeht dieser endgültigen Realität nur, weil sie kurz zuvor im Jüdischen Krankenhaus an Krebs stirbt. Diese literarische Katastrophe spiegelte sich zeitgleich in Tergits eigenem Leben wider, denn die politische Wende von 1933 beendete ihre bürgerliche Existenz abrupt. Ein gezielter Überfall der SA auf ihre Berliner Wohnung erzwang die sofortige Flucht. Das Schreiben auf einer jahrelangen, rastlosen Flucht, die sie durch fünfunddreißig verschiedene möblierte Zimmer in Prag, Tel Aviv, Jerusalem und schließlich London führte, wurde zur bitteren Verarbeitung all dieser Schläge. Das Exil zerriss die Familie geografisch über die ganze Welt. Ihre Eltern flohen 1939 völlig mittellos nach Guatemala-Stadt. Dort starb der Vater Siegfried Hirschmann 1942 schwer traumatisiert und verarmt, in genau dem Jahr, in dem seine fiktive Entsprechung Paul Effinger deportiert wurde. In Europa zurückgebliebene Verwandte wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet, und ihre Mutter sah Elise nie wieder. Inmitten dieser Geografie des Verlusts wuchs ihr Sohn Ernst Robert Peter Reifenberg in England heran. Er besuchte das Trinity College in Cambridge und erlangte als brillanter Mathematiker bleibenden Ruhm. Er löste das berühmte Plateau-Problem für Minimalflächen, das als Reifenberg-Theorem in die Forschung einging. Neben der Wissenschaft zog es ihn zum Extrem-Bergsteigen in die Alpen, wo ihn 1964 im Alter von nur fünfunddreißig Jahren bei einer Klettertour in den Dolomiten durch einen tragischen Steinschlag der Tod ereilte. In ihrer Autobiografie klagte Tergit schließlich die unbarmherzige Ungerechtigkeit des Schicksals an. Auch die Nachkriegsgeschichte des Manuskripts war von lähmenden Verzögerungen geprägt. Anfang der 1950er-Jahre verweigerten die kriegsmüden deutschen Leser die Trümmerliteratur und die Konfrontation mit der eigenen Schuld. Für einen großen Roman über das vernichtete jüdische Bürgertum existierte vorerst kein Markt. Nach zahlreichen Absagen druckte 1951 der Hamburger Verleger Hinrich Springer das Werk in seinem traditionsreichen Haus. Springer publizierte auch das Reportagemagazin Kristall, dessen dokumentarischer Stil ideal mit Tergits sachlicher Ästhetik korrespondierte. Zudem förderte die britische Besatzungsmacht solche Publikationen im Rahmen der Re-education gezielt. Dennoch boykottierte der deutsche Buchhandel den Roman zunächst, und das Werk geriet für Jahrzehnte in Vergessenheit. Dass Gabriele Tergit heute wieder gelesen wird, gleicht einem glücklichen Zufall der Literaturgeschichte. Ein Radiojournalist, der über modernen Immobilienwahnsinn recherchierte, stieß in einem Antiquariat zufällig auf Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Der Verleger Klaus Schöffling erkannte das Potenzial und beauftragte die Literaturkritikerin Nicole Henneberg mit der wissenschaftlichen Betreuung. Henneberg sichtete 2015 den Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Bei ihrer editorischen Arbeit korrigierte sie feinste Nuancen, etwa im Umfeld der historischen Modeschöpferin Hertha von Rosenberg, die einst die Kunst des Hosen-Klassizismus geprägt hatte. Es sind Nuancen, die Tergit, der die Atmosphäre legendärer Berliner Orte wie der Savignyplatz-Kneipe Zwiebelfisch sicher vertraut gewesen wäre, wohl gefallen hätten. Die von Henneberg edierte Neuauflage im Schöffling-Verlag wurde 2019 zu einem späten, überragenden Erfolg und rückte das Werk endlich in das öffentliche Bewusstsein. Dieses wiederentdeckte Interesse ermöglichte 2021 auch die Erstveröffentlichung ihres dritten Romans So war's eben. Elise Reifenberg hat damit ihren dauerhaften und wohlverdienten Platz in der deutschen Literaturgeschichte eingenommen. Entstanden ist das präzise, melancholische Dokument einer Welt, die an ihrer eigenen Naivität und der eisigen Brutalität der Geschichte zerbrach.