Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Hüte, Kunst und Moskau-Schnee

Vom Surbtal zog die Familie fort, an einem Montagmorgen. Der Vater Moses verließ den Ort, um Brot und Zukunft zu besorgen. In Zürich lernt sie das Hut-Metier, an einem Montagmorgen. Sie traf auf Berson und brach mit dem Gestern, für neue Welten und das Morgen. Nach Moskau reiste das mutige Paar an einem Montagmorgen. Der Aufbau der Welt war ihr Programm, doch Kälte und Hunger brachten die Sorgen. Die Tochter Ruth kam im Frost zur Welt an einem Montagmorgen. Alis bricht die Ehe, die nicht mehr hält, und flieht in die Heimat, vom Hunger getrieben. Der Vater stirbt, der Salon wird zum Raum, an einem Montagmorgen. Für Handwerk, Ton und sachliche Form, wo das Kind im Zirkel der Werkstatt aufwächst. Als Autodidaktin formt sie die Welt an einem Montagmorgen. Als jüdische Künstlerin, links und bereit, gießt sie Landschaften, Ton in skulpturale Kraft. Nach Wien zu Schneid sendet sie das Wort an einem Montagmorgen. In Brief und Freundschaft teilt sie den Geist, der jüdische Moderne im Aufbruch beweist. Nach Paris zieht Alis, die Kunst zu ergründen, an einem Montagmorgen. Das Kind gibt sie weg für das neue Metier, bis der Tod der Mutter die Pflichten neu ordnet. In Muzzano verbuchen sie Mangel und Krieg an einem Montagmorgen. Bis der Staat ihre Kunst mit Preisen belohnt und die Armut des Lebens am Ende bezwingt.

Fanny über Alis Guggenheim in einem Brief an ihre Enkelin Ruth

 Zürich, im Spätsommer. Meine liebe Ruth, ich schreibe dir diese Zeilen, damit die Chronik unserer Familie und der Lebensweg deiner Mutter Alis für dich eine klare Gestalt annehmen. Unsere Herkunft, unser jüdischer Glaube und die unerbittlichen Realitäten der Zeit haben uns geformt. Du bist im Jahr 1920 in der Kälte Moskaus zur Welt gekommen, weit entfernt von den Ursprüngen unserer Familie. Es ist mir ein Anliegen, dir die nackten Tatsachen unseres Daseins nüchtern und wahrheitsgetreu darzulegen. Unsere Wurzeln liegen im ländlichen Surbtal, in den Aargauer Gemeinden Lengnau und Endingen. Über Jahrhunderte hinweg war dieser schmale Landstrich der einzige Ort, an dem sich jüdische Menschen in der Schweiz überhaupt legal niederlassen durften. Wir lebten dort in einer streng gläubigen, eng verbundenen Gemeinschaft unter kargen Bedingungen. Dein Großvater, Moses Guggenheim, war als angesehener Parnas – als Vorsteher der jüdischen Gemeinde – eine tragende Säule des Ortes. Als Viehhändler versuchte er, uns abzusichern, doch die Armut war eine ständige Realität. Während ich den von Entbehrungen geprägten Haushalt für unsere sieben Kinder organisierte, reifte in uns der Entschluss, mit der ländlichen Isolation zu brechen. Um euch Nachkommen eine gesicherte Existenz und den Zugang zu städtischen Bildungs- und Berufschancen zu ermöglichen, vollzogen wir im Jahr 1910 den Umzug in die Großstadt Zürich. Es war der Abschied von einer jahrhundertealten, traditionellen jüdischen Welt hin zu den Zweckmäßigkeiten des modernen städtischen Lebens. In Zürich erlernte deine Mutter Alis das solide Handwerk der Hutmacherei. Sie absolvierte ihre Lehre als Modistin und führte von 1916 bis 1924 erfolgreich ihren eigenen Modesalon. Eine tiefgreifende politische und private Zäsur brachte jedoch die Begegnung mit dem russischen Jurastudenten Mischa Berson, einem sozialistischen Revolutionär, dessen gesellschaftliche Ideale sie um 1915 übernahm. Angetrieben von dem Wunsch, aktiv am Aufbau der Sowjetunion mitzuwirken, reiste das Paar inmitten der Revolutionswirren des Jahres 1919 mit einem Rotkreuz-Zug nach Moskau. Die dortige Realität war von extremer Kälte, Hunger und schweren materiellen Entbehrungen geprägt; deine Mutter verdiente das Brot als einfache Näherin. Inmitten dieser Krise kamst du zur Welt, doch die wilde Ehe hielt den Belastungen nicht stand. Vom Hunger getrieben kehrte Alis 1921 mit dir auf dem Arm in die Schweiz zurück, während dein Vater in Moskau verblieb. Zurück in Zürich gestaltete Alis ihren Modesalon konsequent in ein Atelier um, um sich fortan als Autodidaktin ganz der Kunst zu widmen. Ohne akademische Vorbildung, aber mit einer klaren, sachlichen Formgebung schuf sie Gemälde, Skulpturen und Keramiken. Dabei thematisierte sie vor allem Landschaften, Porträts und das jüdische Alltagsleben in der Moderne. Als Jüdin, Kommunistin, alleinerziehende Mutter und freischaffende Künstlerin vereinte sie eine mehrfache Außenseiterrolle in ihrer Person. Ihr Atelier etablierte sich in der Zwischenkriegszeit rasch als intellektueller, antifaschistischer Treffpunkt der Zürcher Kulturszene, in dem Persönlichkeiten wie Max Bill sowie die Autoren Lisa Tetzner und Kurt Held verkehrten. In dieser pragmatisch-künstlerischen Umgebung wuchst auch du auf. Als eine Erbschaft deiner Mutter zwischen 1932 und 1935 einen dreijährigen Studienaufenthalt in Paris ermöglichte, musste sie dich im Alter von zwölf Jahren bei einer Schweizer Pflegefamilie zurücklassen – ein unumgängliches Dilemma zwischen ihrer Pflicht als Mutter und der kompromisslosen Hingabe an ihre Arbeit. Bereits im Jahr 1930 hatte eine Presseanzeige den Kontakt zu dem Wiener Kunsthistoriker Dr. Otto Schneid hergestellt, woraus sich im Schatten des aufkeimenden Faschismus ein intensiver Briefwechsel entwickelte. Ihr Austausch über die jüdische Identität in einer bedrohlichen Moderne war eine direkte Reaktion auf die politische Polarisierung jener Tage. Das Schicksal von Schneids Lebenswerk – sein umfassendes Künstlerlexikon wurde nach dem Anschluss Österreichs durch die Nationalsozialisten und die Vernichtung aller Druckplatten zerstört – dokumentiert die systematische Bedrohung unserer Kultur, obschon er die biografischen Dokumente von 120 jüdischen Künstlern retten konnte. Auch für Alis brachten die Jahre des Zweiten Weltkriegs permanenten psychischen und finanziellen Druck, da die Atmosphäre in Zürich für Juden und linke Intellektuelle zunehmend bedrohlich wurde. Zuflucht vor dieser bedrückenden Enge fand sie ab 1942 im Tessiner Ort Muzzano, wo sie malte und enge Freundschaften pflegte. Die jahrzehntelange ökonomische Not und die Entbehrungen als alleinerziehende Künstlerin endeten erst im Jahr 1954, als sie mit dem Kunstpreis des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes ausgezeichnet wurde. Die damit verbundene Einzelausstellung im Zürcher Strauhof brachte ihr endlich die lang ersehnte materielle Sorgenfreiheit, da die Eidgenossenschaft, der Kanton und die Stadt Zürich ihre Werke für Museen ankauften. Deine Mutter wird ihre letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in Lengnau finden – an genau dem Ort, von dem unsere Familie einst aufbrach. Damit schließt sich der Kreis einer Existenz, die sich den harten Realitäten der Geschichte mit klarer Haltung gestellt hat. In aufrichtiger Verbundenheit, Deine Großmutter Fanny.


Eindrücke aus der Moderne