Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Eine unzerstörbare Konstante

Die Geschichte menschlicher Leidenschaften und intimer Beziehungen wird seit jeher durch das nuancierte Wechselspiel von Gesetzgebung, ökonomischen Interessen und staatlicher Kontrolle geformt, wobei jede Epoche aufs Neue versuchte, die unbändige Natur des Individuums einer kühlen Ordnung zu unterwerfen. Schaut man sich diese weltlichen Erlasse an, so verhandelten die Bürger im alten Mesopotamien die Ehe im Kodex Hammurabi als ein rein geschäftliches Bündnis, das durch Mitgift und Geschenke abgesichert wurde; die Unfruchtbarkeit einer Frau berechtigte den Ehemann zur Aufnahme einer Nebenfrau, während weibliche Untreue mit einer drakonischen Wasserprüfung im Fluss geahndet wurde. Eine seltene Ausnahme in dieser strengen, patriarchalen Weltordnung bildete das alte Ägypten, wo Frauen eine weitreichende Unabhängigkeit genossen, die es ihnen erlaubte, eigenständig Eigentum zu erwerben, Verträge zu schließen und ihre Interessen selbst vor Gericht zu vertreten. Auch das demokratische Athen integrierte intime Beziehungen fest in seine staatliche Struktur, indem die Gesetze Solons die päderastische Knabenliebe als exklusives Privileg der Oberschicht schützten; die kommerzielle männliche Prostitution zwar unter festen Tarifen existierte, brachte den betroffenen Bürgern jedoch den zeitweisen Verlust ihrer politischen Rechte ein. Diese behördliche Regulierung der Intimität fand Jahrhunderte später während der Französischen Revolution im Pariser Palais-Royal ihren modernen Höhepunkt, als das Liebesgewerbe nach dem Sturz Robespierres durch gedruckte Bordellführer und amtlich erfasste Preislisten endgültig in ein rational organisiertes, nacktes Marktgeschehen überführt wurde. Neben diesen weltlichen Gesetzen griffen vor allem mächtige religiöse und dynastische Machtapparate tief in die Biologie des Menschen ein, um die gesellschaftliche Hierarchie zu sichern. Dies zeigte sich im Orient an der Etablierung des Eunuchenwesens in den Kalifaten von Damaskus und Bagdad, wo kastrierte Männer als einflussreiche Palastbeamte, Spione und Wächter dienten, da sie mangels eigener Nachkommen keine familiären Interessen verfolgen konnten und somit als absolut loyale Werkzeuge der Herrscher galten. In Europa wiederum nutzte die katholische Kirche das Gebot des Zölibats als Disziplinierungsmittel, was im Jahr 1119 zur Tragödie des Pariser Gelehrten Peter Abaelard und seiner siebzehnjährigen Schülerin Heloisa führte, deren heimliche Liebesbeziehung und Schwangerschaft vom Onkel des Mädchens durch eine brutale, nächtliche Kastration des Philosophen gerächt wurde, woraufhin sich beide in getrennte Klöster zurückziehen mussten. Dass diese Form der körperlichen Verstümmelung in der europäischen Neuzeit auch im Dienst der Kunst stand, belegt das Phänomen der Kastratensänger wie Farinelli oder Velluti, deren Karrieren auf den großen Bühnen gefeiert wurden, während das Schicksal des jungen Joseph Haydn zeigt, wie alltäglich diese Praxis war, bis sein Vater im letzten Moment die geplante Operation verhinderte. Sobald die offiziellen Normen das Ausleben der menschlichen Natur im Alltag beschränkten, verlagerten sich die verbotenen Neigungen in den Untergrund oder wurden zum Gegenstand erbitterter Zensurkämpfe in der Kunst. Am absolutistischen Hof von Ludwig XIV. bildeten sich einflussreiche homosexuelle Netzwerke um den Komponisten Jean-Baptiste Lully und hochrangige Adlige, die ihre Vorlieben in exklusiven Zirkeln pflegten und trotz der ständigen Gefahr heftiger Skandale durch die Nähe zur königlichen Familie geschützt wurden. Im Gegensatz dazu musste Friedrich der Große in Preußen seine Identität zeit seines Lebens im Verborgenen halten; im London des achtzehnten Jahrhunderts wiederum organisierte sich trotz drakonischer Strafen und drohender Hinrichtungen eine lebendige, urbane Subkultur in den geheimen Molly Houses. Diese gesellschaftlichen Spannungen spiegelten sich auch in der bildenden Kunst wider, wie die heftigen Proteste gegen Michelangelos Aktfiguren im Jüngsten Gericht der Sixtinischen Kapelle beweisen, die vom päpstlichen Hof als bordellartig empfunden und über Jahrhunderte hinweg von Malern wie Daniele da Volterra im Auftrag der Kirche mit Lendentüchern übermalt wurden. Während diese moralische Zensur unter dem Einfluss der Inquisition dazu führte, dass die spanische Barockmalerei fast vollständig bekleidet blieb, feierten Künstler wie Rubens, Caravaggio oder Guido Reni im restlichen Europa weiterhin die unverschleierte Sinnlichkeit des menschlichen Körpers als Ausdruck einer unbändigen Lebensrealität. Es ist genau diese weite, oft schmerzhafte Spanne zwischen Biologie und Justiz, die der Sexualforscher Magnus Hirschfeld – zeitlebens mit den rechtlichen Härten des Paragraphen 175 und den gesellschaftlichen Skandalen wie der Eulenburg-Affäre vertraut – mit wissenschaftlicher Nüchternheit und tiefer humanistischer Empathie analysierte. Aus einer jüdisch-aufgeklärten Perspektive heraus, die den Körper niemals verdammt, sondern das intime Streben und die Ehe stets als einen integralen, zutiefst menschlichen Teil der sozialen Ordnung begreift, betrachtete er solche historischen Dokumente nicht als Sündenregister, sondern als Zeugnisse für die unzerstörbare Vielfalt der Natur. Für ihn, der im Berlin der Weimarer Republik die Geburtsstunde der Neuen Sachlichkeit miterlebte, waren die Verfolgungen von Abaelard bis hin zu den Londoner Molly Houses das traurige Resultat einer unvernünftigen Gesellschaft, die versucht, die biologische Wirklichkeit durch Paragraphen und Zensur auszulöschen. Mit dem weisen, leicht melancholischen und doch unerschütterlich rationalen Blick des Wissenschaftlers, der im Kleinen das Große sieht, plädierte er dafür, diese Berichte ohne falsche Scham und moralische Entrüstung zu lesen, um einzusehen, dass Geheimes und Verbotenes nur durch Aufklärung geheilt werden kann. Diese historische Einsicht entfaltet ihre eigentliche Brisanz erst in der Gegenwart, da die Mechanismen der Kontrolle keineswegs verschwunden sind, sondern lediglich ihr Gewand gewechselt haben. Wo einst der Kodex Hammurabi oder päpstliche Erlasse die Grenzen des Erlaubten zogen, übernehmen heute die unsichtbaren Algorithmen globaler Technologiekonzerne die moralische Zensur und entscheiden in modernen Debatten über digitale Nacktheit, welche Körperbilder der Öffentlichkeit zugemutet werden dürfen. Gleichzeitig spiegelt die fortschreitende Kommerzialisierung der Intimität auf modernen Plattformen und technisierten Begegnungsbörsen exakt jene Rationalisierung des Begehrens wider, die einst im Palais-Royal ihren Anfang nahm, wodurch der menschliche Körper im einundzwanzigsten Jahrhundert endgültig zur ökonomischen Ressource einer globalen Dienstleistungsgesellschaft wird. Vor diesem Hintergrund erweisen sich auch die heutigen, heftig geführten Debatten um geschlechtliche Selbstbestimmung und Identität nicht als Phänomene einer neuen Zeit, sondern als die Fortführung eines jahrtausendealten Ringens um die Anerkennung der biologischen Wirklichkeit. Der nüchterne Blick auf die Geschichte nimmt der Gegenwart somit die Illusion der Neuartigkeit und zeigt, dass das menschliche Verlangen in all seinen Facetten eine unzerstörbare Konstante bleibt, deren Reglementierung durch Staat, Markt und Technik immer wieder an den realen Bedürfnissen des Individuums scheitern muss; denn im Geiste der jüdischen Weisheitstradition gilt seit jeher die Erkenntnis, dass der Mensch nicht für das Gesetz geschaffen wurde, sondern das Gesetz für den Menschen, und dass jede Ordnung, die das Leben einengt statt es zu bewahren, am Ende an der unbezwingbaren Kraft des lebendigen Seins zerbricht.