Der reine Honig für die fleißigen Liebenden
Sehnsucht im Morgengrauen. Ich wünschte, ich wäre genau jetzt in deinen Armen. Ich wünschte, ich könnte mich in deiner tiefen Stille ganz eng an dich schmiegen, die kühle Welt draußen vergessen und einfach nur das gleichmäßige, beruhigende Pochen deines Herzens unter meiner Wange hören. Mit sanften Fingern möchte ich durch deine rabenschwarzen Locken streicheln, jeden deiner Finger einzeln an meine Lippen ziehen und sie mit zärtlichen Küssen bedecken. In der Dunkelheit sehne ich mich nach dem vertrauten Klang deiner Stimme, während jeder meiner Atemzüge leise deinen Namen flüstert. Wir schweigen, denn wir sagen uns so mehr. Die Wächter auf den hohen Mauern ziehen schweigend ihre Runden; sie sehen mein Verlangen, doch in ihren Augen liegt kein Spott, sondern ein tiefes, ehrfürchtiges Verstehen vor dieser unantastbaren Kraft, die mich so unaufhaltsam zu dir zieht. Stell dir vor, wie du keine anderen Lilien auf fernen Hügeln suchen musst, weil dein Platz hier ist, an meinem Busen, wo deine Lippen wie süßer Honigseim schmecken und jedes Kosen uns tiefer miteinander verbindet. Ich erträume uns, wie wir das Tor zu unserem eigenen, verschlossenen Garten weit aufstoßen – an jenem Ort, an dem die Betriebsamkeit der Welt für uns verstummt. Dort, in unserem verborgenen Reich, blühen die Reben in wilder Pracht, und die Luft ist warm und schwer vom süßen Duft der Granatäpfel und der Myrrhe. Wir genießen gemeinsam das Liebesspiel im frischen Grün, kosten das süße Geheimnis unserer Körper und schmecken den Honig mitsamt dem Wein, den wir im Stillen so lange füreinander bewahrt haben. Jede Begegnung weckt eine unsterbliche, lodernde Glut. In dieser unbändigen Kraft finde ich meinen tiefen Frieden und meine ganze Neschome atmet auf, weit weg von all den Zores des Alltags, während wir unzertrennlich und geborgen in unserer ewigen Liebe ruhen. Doch du liegst jede Nacht bei einer anderen und ahnst nicht, wie die Flamme in mir brennt. Am Morgen gehst du schweigend an mir vorbei – und alles, was ich bin, bedeutet dir nichts. Für mich ist das keine Wunschwelt, keine bloße Fantasie, in die ich mich flüchte. Die wahre Besessenheit liegt allein beim Schadchen, der uns mit aller Macht und blindem Eifer aneinanderbinden wollte, ohne zu sehen, dass er mich damit in diese endlose, einseitige Glut stürzt. Wir wurden keine Freunde, aber waren Marionetten für das Spiel. Zeitlos. Dieses Treiben ist so alt wie die Menschheit selbst und wiederholt sich in jeder Generation aufs Neue. Menschen bieten sich dar, zeigen ihre schönsten Seiten, kommen für einen flüchtigen Moment der Nähe zusammen und ziehen sogleich unverbindlich weiter zur nächsten Verlockung. Es ist die ewige Austauschbarkeit, die Jagd nach dem immer neuen Reiz, bei der das Gegenüber zur bloßen Kulisse abgewertet wird. Unabhängig davon, wie die Welt sich dreht, wie Menschen einander suchen oder über welche Kanäle sie Botschaften senden – das Drama bleibt dasselbe. Am Ende bleibt oft eine Seele in der Glut zurück, während die andere bereits die Fäden der nächsten Inszenierung in den Händen hält.