Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?
Im Rückwärtsgang durch Cádiz
Es war im Sommer des Jahres 1968, als die französische Riviera für einen Moment ihren Glanz an das staubige Andalusien verlor. Es begann als eine Flucht vor der literarischen Dürre Berlins und endete als ein exzentrisches Amüsement der Sonderklasse voller Esprit und Glamour. Trude Herr, die ungekrönte Königin der deutschen Unterhaltung, und die faszinierende Lotti Huber, damals noch als Charlotte Goldmann bekannt, hatten ein Ziel vor Augen: Cádiz. Da das vieldiskutierte Nachkriegsdrama El Tragaluz von Antonio Buero Vallejo auf den Bühnen der geteilten deutschen Hauptstadt strengstens ignoriert wurde, beschlossen die beiden Freigeister, die Wahrheit an der Quelle zu suchen. Doch eine solche Reise verlangt nach einer Eskorte, die diesem unbändigen Glamour gewachsen ist. In Lauris, wo Trude Herr ein bezauberndes südfranzösisches Refugium besaß, stieß die fabelhafte Cayetana zu ihnen, besser bekannt als die Duquesa de Alba. Die Herzogin war ein wandelndes Gesamtkunstwerk, berühmt für ihr furchtloses Make-up, ihren unermesslichen Zaster und eine Schwäche für sehr junge, athletische Männer, die sie für ihr privates Vergnügen umgarnte. Um unbemerkt durch die strengen Kontrollen der Franco-Diktatur zu schlüpfen, verzichtete die Aristokratin auf ihre herrschaftlichen Limousinen. Man reiste inkognito. Und so schlängelte sich eine giftgrüne Citroën-Ente, eine Rarität als echtes Cabriolet mit zurückgelegtem Faltdach, über die staubigen Pisten der Iberischen Halbinsel. Die Köpfe der Damen waren dabei meisterhaft gegen den Fahrtwind geschützt. Cayetana verströmte puren Glamour in einem perfekt drapierten Seidenkopftuch im reinsten Grace Kelly Stil, das ihr trotz der klapprigen Ente den Hauch der großen weiten Welt verlieh. Trude hingegen bändigte ihr charakteristisches Kurzhaar unter einem dramatischen Turban im Stil amerikanischer Hollywood-Diven, der von einer schweren, funkelnden Brosche mitten auf der Stirn zusammengehalten wurde. Lotti Huber steuerte die Ente mit wehendem, tiefschwarzem Haar zielsicher an den Kontrollposten vorbei. Das Sprachen-Gewirr im offenen Wagen war beträchtlich. Da Trudes Englisch eher rudimentär war, übernahm Lotti mit sichtbarem Vergnügen die Rolle der Chef-Dolmetscherin, die Trudes rheinische Pointen für die kosmopolitische Herzogin übersetzte. Die Route führte das Trio zunächst weit in den Norden nach Burgos, der eisigen, inoffiziellen Hauptstadt des Franco-Regimes, bevor sie schließlich das nationalistische Cádiz erreichten. Für den Theaterabend wurden die staubigen Diven-Tücher gegen monumentale, haarspray-betonierte Beehive-Frisuren getauscht, gekrönt von riesigen spanischen Zierkämmen, den Peinetas. Trude glänzte in einer schweren Nerzstola mit Spitzenfächer, Lotti in einem pompösen andalusischen Woll-Poncho. Doch das Stück auf der Bühne war von bleierner Schwere und bot wenig Glamour oder Amüsement: Ein finsteres Kellerloch, in dem eine Familie das Trauma des Bürgerkriegs totschwieg, ein dementer Vater, der Postkarten ausschnitt und seinen korrupten Sohn Vicente schließlich mit der Schere erstach. Nach dem Vorhang flüchteten die Damen in eine schummrigen Hotelbar. Zwischen den Haarnadeln und dem kühlen Atlantikwind kam eine Flasche illegal aus Berlin importierter Verpoorten Eierlikör auf den Tisch. Trude war noch ganz blass, fächelte hysterisch und griff nach ihrem Zuckerlöffel, um das gute Zeug zu verkosten. Hör mal, Charlotte, diese spanische Keller-Tragödie schlägt mir direkt auf die Stimmbänder, beschwerte sich Trude lauthals, während sie ihre Nerzstola enger zog. Das ist ja keine Kunst, das ist psychologische Folter und raubt einem jeglichen Glamour und jedes Amüsement! Erst glotzen die Leute den Passanten permanent durch das unsichtbare Dachfenster auf die Beine, um die Wahrheit zu suchen, und dann metzelt der alte Mann seinen eigenen Sohn mit der Briefmarkenschere nieder! Da kriegt man ja dicke Haxen vom Zusehen! Und diese sturen Sesselpupser von der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE runden das Elend ab. Wollen uns nicht mal das Textbuch verkaufen, weil der Vallejo angeblich nur von spanischen Regisseuren wie diesem Osuna inszeniert werden darf. Eine reine Schikane-Bude, eine unverschämte Verwertungsanstalt ist das! Lotti Huber lachte laut auf, ließ ein Paar hölzerne Kastagnetten in einem perfekten, spöttischen Triller rattern und nahm einen tiefen Schluck vom dicken, edlen Verpoorten. ¡Ay, por favor, Trudchen! Jetzt mach dir mal nicht jünger und naiver als du bist, konterte Lotti mit ihrer unerschrockenen Berliner Art und passte sich mit fliegendem Wechsel der andalusischen Kulisse an. Der Vallejo musste das Stück wegen der Zensur in dieses absurde Science-Fiction-Experiment verpacken, damit die Zensoren überhaupt weggucken! Die Spione aus dem Jahr 3000 ermitteln doch nur, weil in diesem Land keiner über die Toten des Bürgerkriegs reden will. Das ist die nackte Realität! Schau dir doch unsere liebe Cayetana an. Die hat sich im Theater doch nur hinter ihrem Spitzenfächer versteckt, weil ihr die materielle Not der kleinen Leute im Souterrain zu heiß für ihr adliges Gemüt war. Da hockt sie lieber im hellen Rampenlicht und trinkt das gute Zeug mit uns, während sie von ihrem nächsten jungen, knackigen Liebhaber für das nächtliche Amüsement träumt! Well, life is too short for boring family dramas, isn't it, Cayetana? Cayetana, die Duquesa de Alba, puderte sich ungerührt die Nase, blickte durch ihr Monokel, nippte genüsslich am cremigen Likör und lächelte exzentrisch. Oh, absolutely, darling. Der Klassenkampf im Keller ist in der Tat etwas ermüdend für mein Dekolleté, warf die Herzogin in makellosem Englisch ein, das Lotti sofort mit einem amüsierten Augenzwinkern simultan ins Kölsche übersetzte. ¡Qué desfachatez! This unashamed SGAE deserves a lesson. If these bureaucrats block my art, I will block their budget. What do they think they are doing? Trude haute mit der Faust auf den Tisch, dass die Kämme im Beehive wackelten. Ganz genau! Das schreit nach einer kabarettistischen Abrechnung im Duett, das bringt wieder Glamour und Amüsement in die Bude! Lotti schlug den Takt mit den Kastagnetten, Trude fächelte im Rhythmus und beide schmettern im harmonischen Gleichklang los: Wenn die Bürokraten winken und im Sumpf der Paragraphen versinken! Sie horten Geld und Text und Kunst, doch alles ohne Geistesfunken-Gunst! Die spanische SGAE, die treibt uns zur Qual, doch wir pfeifen auf die Paragraphen im Saal! Denn wird Kunst erst blockiert und im Keller verwahrt, wird die Verwertungsanstalt zur Ver-Rettungsanstalt, weil wir die Wahrheit befreien, auf unsere Art! Die Herzogin applaudierte amüsiert, während Trude sichtlich erleichtert ihr Glas wieder mit dem feinen Verpoorten auffüllte. Der süße Likör, der wie flüssiger Kuchen schmeckte, zeigte seine Wirkung. Weißt du was, Charlotte, sagte Trude versöhnt, morgen jagen wir die Ente wieder hoch und schleppen die Duquesa samt ihrem ganzen Zaster in die fieseste Hafenkneipe von Cádiz. Da wird nicht deprimiert durch Kellerfenster geglotzt, da wird gesungen, gesoffen und das Leben gefeiert, das wird ein Amüsement! Lotti Huber hob lächelnd ihr Glas, blickte hinaus auf die nächtliche Plaza und prostete der Runde zu. ¡Salud, mis divas! Ganz genau, Puppe! Diese Zitrone hat heute verdammt viel Ei und noch jede Menge Saft! Das eine Wort, das den Inhalt dieses Dramas im Geiste dieser gesamten, exzentrischen Reisegruppe ganz zusammenfasst, lautet Trauma-Auslöffeln. Dieser Begriff beschreibt sowohl den schmerzhaften Prozess, sich den alten Sünden der Familiengeschichte zu stellen, als auch die handfeste, urwüchsige Art und Weise, wie diese drei außergewöhnlichen Frauen die schwere Kost am Ende mit einer großen Portion Humor, einer Prise Glamour, etwas internationalem Esprit und reichlich gutem Eierlikör in ein unvergessliches Amüsement verwandelten. L’chaim!