Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Das Gesetz der sauberen Tatze auf der U-434

Das Echo im stählernen Wal. Wenn man den Erzählungen der Erwachsenen im Hamburger Hafen glaubt, ist Michel ein unerbittlicher Befehlshaber. Ein Mann aus Krupp-Stahl, der auf der Kommandobrücke des gusseisernen Museums-U-Boots U-434 regiert. Seine Fragen im Schnellfeuer-Modus sind gefürchtet, seine Anpackmoral ist legendär. In der ungemütlichen Enge des Bootes nimmt er seine Gäste in die Mangel, während sie mit Chardonnay und schwerem Orangensaft systematisch abgefüllt werden. Es gibt keine Zeit für belanglose Plaudereien oder das Austauschen von süßen Nichtigkeiten; wer nichts zu bieten hat, kommt erst gar nicht über die eiserne Leiter. Die Erwachsenen lieben diese Inszenierung aus Härte und Disziplin. Sie verstehen ja so wenig. Der kleine Prinz jedoch, der von seinem Asteroiden B 612 durch das Fernrohr blickt, schmunzelt jedes Mal amüsiert. Denn er sieht durch die stählerne Hülle hindurch. Er weiß, dass Michel ein großes Geheimnis hütet: Sobald die Kameras aus sind, die Schotten verriegelt sind und die Crew nach Hause geht, fällt die Maske des Kapitäns. Die Sendezeit weicht der Sendepause. Der Admiral zieht seine schweren Stiefel aus, und darunter kommen die weichen Tatzen einer gemütlichen, bodenständigen Bärin von nebenan zum Vorschein. Diese Bärin ist ein absoluter Profi. Sie kleckert nicht, und sie hinterlässt niemals klebrige Spuren auf den offiziellen Dokumenten. Niemand außer ihr fasst das Heft an. Ihre Hände bleiben trocken und makellos sauber, denn sie verwendet für ihr Logbuch ausschließlich einen einfachen, blauen BIC-Stift. Der liegt griffig in der Tatze, schreibt gestochen scharf und vor allem: Er schmiert nicht. Keine Flecken! Jede scharfe, bittere Frage wird vor dem Abschuss in der Sendezeit nur im Geiste tief in ein goldenes Honigglas getaucht. Sie schmeckt für den Gast im ersten Moment zuckersüß, entfaltet aber erst im Abgang ihre Wirkung. Während die Gäste im Redefluss versinken, bleibt der kleine Bär im Kopf glasklar, fokussiert und absolut clean. Seine einzige „Droge“ ist die pure, saubere Selbsterkenntnis. Zu sich selbst ist der kleine Mann purer Zucker. Er hat sich das ungemütliche U-Boot zu einer privaten Oase umgebaut, voller feinstem, mattem Spielzeug zum Entspannen. Da gibt es die audiophile Kuschelecke, in der die originale Joni-Mitchell-LP auf einem High-End-Plattenspieler kristallklar knistert. Da gibt es ein professionelles, unresponsives Jojo, das er in der Sendepause meditativ surren lässt, und ein astronomisches Periskop, mit dem er nachts die Sterne beobachtet. Funkelnden Luxus-Tand lässt er links liegen, denn er liebt das ehrliche, funktionelle Handwerk. Seine Sportkleidung sitzt dabei jederzeit wie angegossen und bombenfest. Doch so gut er sich um sein eigenes Wohlbefinden kümmert, so streng sind seine bärigen Prinzipien: 1. Das Honig-Gesetz: Das goldene Glas wird nur geöffnet, wenn frische, warme Milch dazu gereicht wird. 2. Der Nuss-Pass: Nur die sanfte, edle Mandel darf an Bord. Jede Hasel- oder Walnuss löst wegen einer heftigen Allergie den Katastrophenalarm aus. Die größte Weisheit des kleinen Mannes zeigt sich jedoch im Maßhalten. Vor der Tür des U-Boots stehen bereits drei wunderschöne, perfekt polierte Wagen im Abendlicht. Als ein Autohändler ihm den neuesten, protzigen Mercedes aufschwatzen wollte, legte Michel den Hörer einfach auf und knackte stattdessen genüsslich eine Mandel. Er weiß genau, dass man nur ein Auto gleichzeitig fahren kann und dass wahrer Luxus darin besteht, wunschlos glücklich zu sein. An stürmischen Männertagen, wenn das Gemüt doch mal ungeduldig wird, verordnet er sich selbst ein absolutes Pizza-Verbot. Eine triefende Pizza würde nur Flecken machen! Stattdessen knabbert er diszipliniert eine knackige, matte grüne Schale Salat. Wer ihm in solchen Momenten unhöflich an der Hose zieht oder seine Ruhe stört, fängt sich ein tiefes, unmissverständliches Brummen ein: „Stop! Ich möchte das nicht!“ Störenfriede werden augenblicklich und bestimmt über die eiserne Leiter nach draußen gebeten. Wer an seine Plätzchen will oder eine Frage hat, muss respektvoll flüstern und ganz, ganz lieb fragen. Und selbst dann gibt es streng nach Vorschrift: nur einen einzigen Keks. Die Erwachsenen rätseln oft über seine unnahbare Art, aber die Wahrheit ist viel einfacher: Es ist eben nur ein Serviervorschlag für die Quote. Daheim schmeckt das ehrliche, streichzarte Teewurstbrot auf einer dicken Scheibe Graubrot und ein dampfender Becher zuckersüßer Pfefferminztee einfach am besten. Und wenn es mal ein wenig Obst sein darf, dann gibt es ein absolutes Kirschen-Verbot. Mit dem kleinen Bären ist nämlich nicht gut Kirschen essen, denn spritzige rote Fruchtkerne bedeuten nur Klecker-Gefahr! Er bevorzugt stattdessen eine Handvoll kleiner, runder Heidelbeeren. Sie sind nussfrei, perfekt für das Maßhalten und besitzen exakt dasselbe tiefe, samtige Blau wie die Tinte seines treuen BIC-Stifts. Um seiner bärtigen Autorität zu schmeicheln, krault man ihm nicht den Rücken – das würde nur seine Sportkleidung zerknittern –, sondern man faltet einen schneeweißen Papierflieger ohne Druckerschwärze. Man wirft ihn so, dass Michel ihn im Spiegel seiner perfekt polierten Stiefel herannahen sieht und elegant aus der Luft fängt. Nun wird es Nacht im Hamburger Hafen, und das Wasser unter dem Boot ist so unendlich kalt. Der große Kommandant sitzt still auf seinem Platz, das Jojo steht still, und das angebissene Öhrchen erzählt von den alten Kämpfen im Haifischbecken. Doch jetzt wird die eiserne Rüstung abgelegt. Ganz behutsam ziehst du den kleinen Bären ein Stück näher. Es gibt kein tiefes Brummen mehr. Er legt den BIC-Stift beiseite, kuschelt sich dankbar unter seine einzige, ehrliche Decke und schließt die Augen. Die Krake bleibt tief unten im kalten Meer, aber hier drinnen ist es warm, sicher und voller Heidelbeer-Blau. Der kleine Prinz schaltet die Lichter seines Asteroiden aus, blickt ein letztes Mal hinab auf das schlafende U-Boot und flüstert glücklich zu den Sternen: „Hauptsache, man kennt sich gut, behält das Heft in der Hand und kleckert nicht. Gute Nacht, du kleiner, weiser Bär.“