Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Privates ist schließlich besonders anziehend

Der kühle Pariser Herbstwind treibt die ersten Blätter über die sandigen Wege des Jardin du Luxembourg. Es ist ein stiller Donnerstagnachmittag; die milde Sonne bricht durch das Geäst der Kastanien und wirft flüchtige, goldene Lichtflecken auf das Pflaster, während in der Ferne das dumpfe Rufen eines Maronenverkäufers verhallt. Unweit des großen Bassins, an dem Kinder mit langen Holzstäben ihre kleinen Segelboote anstupsen, dreht sich das alte Karussell unter seinem schattigen Holzdach zu den hellen, melancholischen Klängen einer fernen Drehorgel. Am Rand, halb verborgen im Schatten der typischen, wuchtigen grünen Senatsstühle, verweilt eine Gestalt im dunklen Mantel, vollkommen reglos. Von hinten, mit den schmalen, abfallenden Schultern und der zierlichen Silhouette, wirkt die Erscheinung fast wie eine schüchterne Mademoiselle. Erst von Nahem, im Profil, erkennt man den herabhängenden Schnurrbart des feinen Monsieur. Seine Stirn liegt in tiefen Falten, während seine schmalen Augen jede Drehung des bunten Fahrwerks fixieren, als saugten sie die ganze Welt gierig in sich auf. In seiner Manteltasche ruht, flüchtig verborgen, ein ledergebundenes Notizbuch. Ein paar Schritte weiter sitzt ein schmächtiger, aber kesser Junge aus dem sechzehnten Arrondissement auf einem kleinen Holzschemel. Seine Blicke wandern rastlos über die Szenerie, vorbei an flanierenden Paaren und einem streng blickenden Gendarme in Uniform. Er beobachtet das Karussell schon den ganzen Nachmittag, doch noch viel neugieriger mustert er diesen seltsamen, unbeweglichen Mann, der so gar nicht in die lebhafte Jahrmarktkulisse passen will. Schließlich hält er es nicht mehr aus. Er rutscht vom Schemel und nähert sich mit elastischen, katzenhaften Schritten. Den Kopf herausfordernd schräg gelegt, fixiert er den Fremden mit einem aufgeweckten Lächeln und spricht ihn mit einer lockeren Handbewegung an: „Sagen Sie, was machen Sie da eigentlich die ganze Zeit, mein Herr? Sie stehen so unbeweglich am Rand. Reiten Sie denn nicht mit? Warum denn nicht? Ich beobachte Sie schon eine Weile. Sie sehen so klug aus, aber von Weitem dachte ich glatt, da drüben steht eine schüchterne Mademoiselle im langen Mantel! Verzeihen Sie, mein Herr, aber Sie haben so feine Schultern, fast wie die eleganten Damen drüben am Bassin. Nur der Schnurrbart verrät Sie. Aber im Ernst, Sie blicken ein bisschen traurig drein. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf dieses hölzerne Karussell starren? Finden Sie nicht auch, dass es prachtvoll ist, wie es sich dort unter dem schattigen Dach im Kreise dreht? Für mich ist das wie ein eigenes kleines Reich, das nur dafür da ist, uns glücklich zu machen. Und die Tiere erst! Sagen Sie, haben Sie den roten Löwen gesehen? Er zeigt seine Zähne und streckt die Zunge heraus – asaj wild! Aber glauben Sie, dass der kleine Junge in Weiß auf seinem Rücken Angst hat? Überhaupt nicht. Seine Hand ist ganz heiß vor Aufregung, während er sich im gemalten Fell festhält. Ich frage mich, wie es sich wohl anfühlt, auf so einem wilden Tier zu sitzen. Und dort, das kleine blaue Mädchen auf dem Hirschen – ist das nicht wunderlich? Im dichten Wald tragen die Hirsche keinen Sattel, das weiß sogar ein Junge wie ich, aber hier im Reigen bekommt eben jeder den besten Platz. Selbst ein weißer Elefant zieht dann und wann majestätisch an uns vorbei. Möchten Sie da nicht auch am liebsten direkt hinterher?“ Die Begeisterung des Augenblicks nutzend, schleicht sich der Junge unbemerkt noch einen Schritt näher heran. Privates ist schließlich besonders anziehend, und das verbotene kleine Buch birgt eine unwiderstehliche Magie. Seine Pupillen wandern blitzschnell nach unten zu dem eleganten Notizbuch, das halb aus der Manteltasche des Fremden ragt. Er beugt seinen schmächtigen Oberkörper kess vor, und seine Finger zucken vor Neugier, um das Leder zu berühren. In diesem Moment wendet der Mann mit einer flinken, fast erschrockenen Bewegung den Kopf. Seine dunklen, tiefen Augen treffen direkt den Jungen; die Pupillen weiten sich vor Schreck. Rilkes Lippen pressen sich zu einem schmalen Strich zusammen, er zieht die Schultern abwehrend hoch, und seine Arme werden steif vor Befangenheit, als wäre seine unsichtbare Schutzmauer durchbrochen worden. Der Junge weitet für eine Sekunde erschrocken die Augen, fängt sich jedoch sofort wieder. Er springt mit einem völlig unschuldigen Grinsen einen Schritt zurück und hebt beschwichtigend die Hände, die Handflächen nach oben geöffnet, um jede Gefahr weg zu lächeln: „Oh, là là! Nicht böse sein, mein Herr! Ein kleines Neugierchen mit Lämmerschwänzchen bin ich, ich weiß, ich kann meine Nase einfach nirgends heraushalten. Aber ich wollte nur sehen, was für Geheimnisse Sie da hüten. Sie verstecken Ihre Gedanken so gut. Aber schauen Sie lieber schnell wieder dorthin. Die größeren Mädchen, die hellen. Sie sind für die kleinen springenden Pferdchen eigentlich schon fast zu groß, finden Sie nicht? Aber wenn das Spiel an Fahrt gewinnt, würdigen sie uns hier unten keines Blickes mehr. Sie blicken so kess nach oben oder ganz versunken ins Leere. Was denen wohl gefallen mag? Woran die wohl denken? Bestimmt nicht an die staubigen Straßen draußen vor den Toren. Und jetzt müssen Sie genau aufpassen, mein Herr, damit Sie das Bild für Ihren Schreibtisch auch richtig im Kopf behalten! Wenn das Fuhrwerk erst richtig schnell wird, zieht die ganze Welt an einem vorbei. Ein Rot, ein Grün, ein Grau – alles verschwimmt zu einer einzigen, wunderbaren Nuance aus Farben. Wenn es sich so flink dreht, kann man die Gesichter kaum noch erkennen. Da! Haben Sie das gesehen? Nur ein kleines, kaum begonnenes Profil flog an uns vorbei – das Gesicht von dem ganz kleinen Knirps! Und gleich dahinter wieder ein Lächeln! Ein so helles, strahlendes Lächeln, so voller Frieden und Simche, dass es einen hier am Rand fast blendet. Den Kindern bereitet das Drehspiel eine so reine Freude. Vorhin, als Sie dachten, niemand hört zu, haben Sie so nachdenklich vor sich hin gemurmelt, diese Freude sei verschwendet, weil das Karussell kein Ziel kennt und sich nur im Kreise dreht. Warum glauben Sie das? Wenn Sie das später zu Hause aufschreiben – warum wollen Sie es so traurig machen? Wenn man da oben sitzt und für ein paar Runden den Hunger und jede Sorge vergisst, weil einem die Fahrt so gut gefällt, dann ist das doch der schönste Gewinn, oder nicht? Das kann doch niemals verschwendet sein, mein Herr. Was meinen Sie? Wollen Sie es nach diesem kleinen Schreck nicht doch mal versuchen und eine Runde auf dem Löwen wagen, oder wollen Sie den ganzen Nachmittag nur neugierig dastehen und der Welt beim Drehen zusehen?“ Der Dichter entspannt langsam seine hochgezogenen Schultern. Das anfängliche Misstrauen weicht einer tiefen, fast ehrfürchtigen Faszination für die ungebremste Lebendigkeit des Kindes, die so gar nicht zu der vornehmen Pariser Zurückhaltung der Umgebung passen will. Mit einer schüchternen, ertappten Geste schiebt er das Notizbuch endgültig ganz tief in den Stoff zurück, als schäme er sich für seine abstrakten Gedanken. Seine Stimme ist leise, sanft und hat den weichen, brüchigen Klang eines Mannes, der viel Zeit in Einsamkeit verbringt, während sich um seine Lippen ein zaghaftes, wehmütiges Lächeln legt: „Du hast... du hast flinke Augen, mein Kleiner. Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist auf diesem Karussell nichts verloren. Aber weißt du, für den Löwen bin ich wohl schon viel zu schwer. Manche von uns müssen unten stehen bleiben, damit jemand da ist, der sich an das Lächeln erinnert, wenn das Karussell anhält. Wie heißt du?“ „Moishele, mein Herr.“ Der Dichter greift langsam in seine andere Manteltasche, zieht ein glänzendes Ein-Franken-Stück heraus und streckt den Arm aus. Mit einer feierlichen Geste legt er die Münze flach auf die offene, schmutzige Handfläche des Jungen: „Reite du für mich mit, Moishele. Auf dem Löwen. Allez, file, mon petit poulbot ! Und halte dich gut fest.“ Moishele schließt die Finger fest um das kalte Silberstück und wirft dem Mann ein letztes, strahlendes Grinsen zu. Er wirbelt herum und läuft im wiegenden Dreivierteltakt des Karussells an. Im Davonsprinten beginnt er leise, aber glasklar eine französisch-jiddische Melodie zu summen, die bittersüß im Takt der Drehorgel mitschwingt: „Une Yiddishe Mame... il n'y a rien de meilleur oif der velt… Une Yiddishe Mame... zi makht dokh mije la vie si douce...“ Seine federnden Schritte verschmelzen mit dem Takt der Musik, während er im bunten Strom der Menschen verschwindet. Der Dichter sieht ihm nach, wie das Summen im fernen Trubel verhallt. Er begreift, dass der Junge ihm gerade den Weg gezeigt hat, den er selbst vor lauter Schwermut nicht mehr sah. Er greift nach seinem ledernen Notizbuch, schlägt die erste Seite auf und murmelt jene Worte, die er jetzt, an diesem Pariser Nachmittag, unsterblich machen wird: „Ein seliges Lächeln, her gewendet, das blendet und verschwendet an dieses atemlose, blinde Spiel.“ Er schließt das Buch. Ein Blinder fragt nicht nach dem Weg, und ein Spieler fragt nicht nach dem Spiel.