Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Obacht und aufmerksam bleiben

Wie eine Schwalbe, die instinktiv den weiten Rückweg zum alten Nest sucht, um dort Halt zu finden, kreist diese Familiengeschichte um die Rückkehr zum Ursprung eines tiefen Einschnitts. In den Straßen Krakaus fordert ein Moment, in dem die Umstände von einem ganz normalen Mann sofortiges Handeln verlangen, unbedingte Loyalität. Die Atmosphäre der Stadt ist von einer dumpfen, bedrohlichen Stille geprägt, die immer wieder vom harten Echo schwerer Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster und dem unbarmherzigen Rasseln der Straßenbahnen durchbrochen wird, die ohne Halt durch das mit grabsteinartigen Mauern abgeriegelte Viertel Podgórze rollen. Die Fenster zur Außenwelt sind hastig zugemauert, die Lichter streng gedämpft, und die wenigen verbliebenen Laternen werfen unruhige, lange Schatten an die kalten Häuserwände, während hinter den verhängten Scheiben ständige, nervöse Wachsamkeit und die nackte Not der Überbevölkerung herrschen. In dieser düsteren, von permanentem Misstrauen, Razzien und Angst geladenen Stimmung lässt Uwe, im Alltag ein schüchterner, unauffälliger und später von Krankheit gezeichneter Mann, an dem das Wirtschaftswunder vorbeiziehen sollte, im Untergrund nichts unversucht, um seine Frau Fania und deren Mutter vor der Shoah zu retten. Er organisiert Schwarzmarktgeschäfte und fälscht Pässe, geleitet von der reinen Notwendigkeit des Augenblicks. Trotz der ständigen Unruhe bewahren sich die beiden im Verborgenen eine trotzige Neugier auf das Leben und einen feinen Sprachwitz, der ihnen ein Stück Wärme und menschliche Würde erhält. Nach dem Krieg zieht die Familie nach Hamburg in den feinen Stadtteil Harvestehude, wo im alltäglichen Familienleben die akute Bedrohung einer chronischen Verlustangst weicht. Harvestehude zeigt sich außen als bürgerliche Idylle mit herrschaftlichen Gründerzeithäusern, alten Bäumen, ruhigen Kanälen und der nahen Alster, während sich hinter den Fassaden dieser schönen Kulisse, in einer alten, maroden Villa, die Familie in ihren Schutzräumen einrichtet. Dieser scharfe Gegensatz zwischen der großzügigen hanseatischen Gediegenheit vor dem Fenster und der Enge im Inneren prägt den Alltag, in dem das Horten von Vorräten und das abendliche Verriegeln der Türen zu festen Mechanismen werden, um die elterlichen Traumata inmitten der äußeren Ruhe zu bewältigen. Zugleich entlasten Momente der Vertrautheit und der Lebensenergie, die aus der eigenen Tradition schöpft, das familiäre Zusammensein. Die Tochter Viola wächst in diesem Spannungsfeld auf. Das Besondere an ihrem Schreiben liegt in einem intimen Ritual begründet: Drei Jahrzehnte lang behält sie ihr großes Romanprojekt ganz für sich und schreibt schließlich in den stillen Morgenstunden, wenn die Nacht auf den Tag trifft, im Schutze völliger Einsamkeit mit dem Laptop auf den Knien. In diesen Momenten, in denen noch kein einziges Wort gesprochen ist, schöpft sie aus dem Gefühl, dass niemand auf der Welt weiß, dass es sie gibt, und nähert sich schreibend genau jenem Zustand des Verstecktseins an, den ihre Mutter und ihre Großmutter einst im Verborgenen durchleben mussten. Über diese innere Einkehr erarbeitet sich Viola über Jahrzehnte mühsam ihre eigene intellektuelle und gesellschaftliche Stimme. Als Emma-Autorin der ersten Stunde an der Seite von Alice Schwarzer und durch ihre profunden Essays in Publikationen wie der Jüdischen Allgemeinen partizipiert sie aktiv und gestaltend am öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik. Diese sichtbare Präsenz im intellektuellen Leben Deutschlands zeigt eine gereifte Persönlichkeit, die sich nicht ins Private zurückzieht, sondern den offenen Austausch sucht, was für einen Prozess der Versöhnung und das Ankommen im Land eine wesentliche Rolle spielt. Um eine eigene innere Mitte zu finden, nutzt sie schließlich das Mittel der literarischen Verfremdung im Roman Familienleben, macht aus der realen Erinnerung Fiktion und ermöglicht sich so ein nüchternes Hinterfragen der familiären Schutzpanzer, das die Stärke der Frauen sachlich darstellt, ohne sie auf eine reine Opferrolle zu reduzieren. Aus dieser Aufarbeitung gewinnt Viola Roggenkamp eine klare Haltung gegenüber Deutschland und der Zukunft, die frei von bitteren Klischees bleibt, aber eine sensible Grundwachsamkeit verlangt. Das genaue Hinsehen und das permanente Hinterfragen der Gegenwart bilden die Basis, um die Zukunft sachlich und selbstbestimmt mitzugestalten, gelöst von der Schwere der Vergangenheit, wie ein Vogel, der mit weit geöffneten Flügeln den Blick aus der Höhe schärft und klar seine Kreise über das Land zieht.