Ein Lesesalon
Wie viel behalten und verändern?

Schau mir in die Augen

Die Jalousien warfen unbarmherzige, streifige Schatten auf den zerschrammten Mahagonischreibtisch. Draußen peitschte der kalte New Yorker Herbstregen gegen die Fensterscheiben der Kanzlei, drinnen kämpfte der matte Schein der Schreibtischlampe gegen die Dunkelheit an. Es war weit nach Mitternacht. Ich bat meine Sekretärin, La Bionda, um frischen Kaffee, während ich den Blick nicht von den ausgebreiteten Papieren wenden konnte. Sie trat geräuschlos an den Tisch. Der Duft von bitterem Kaffee vermischte sich mit dem kalten Tabakrauch im Raum. Sie wunderte sich über meine Ausdauer; ich saß seit acht Stunden an dieser einen Akte. Ich lockerte meine Krawatte, streifte das schwere Sakko ab und rollte die Ärmel meines engen, dunklen Polohemdes hoch. Unter dem dünnen Stoff spannten sich die Muskeln meiner Oberarme – gestählt durch jahrelange, harte Arbeit unter sengender Sonne. Ich erklärte ihr das Problem. Es handelte sich um keinen gewöhnlichen Klienten, sondern um eine verdammt komplizierte On-Off-Beziehung. Vor mir lag die Akte über das Magazin The New Yorker und seine jüdischen Autoren. Es war eine Chronik aus Anziehung, unterkühlter Distanz und plötzlicher Leidenschaft, die nun schon seit einem Jahrhundert andauerte. Ich lehnte mich zurück, zündete mir eine Salamaleikum-Zigarette an und blickte durch den Rauch ins Leere. Der Regen erinnerte mich kein bisschen an die heißen, staubigen Ölfelder von Ahwaz, aus denen ich stammte und wo ich mir diese breiten Schultern geholt hatte. Aber meine Instinkte als Ermittler funktionierten auch im New Yorker Exil fehlerfrei. Selbst mein alter Freund, der Spion aus Beirut, der im Schatten in der Ecke des Raumes saß und schüchtern auf seine Schuhspitzen blickte, hätte in diesem Papierkrieg kein besseres Informantennetzwerk aufbauen können. Er wusste sonst genau, wie man verdeckte Allianzen im Nahen Osten durchleuchtet, aber die intellektuelle Härte Manhattans ließ selbst diesen abgebrühten Agenten verstummen. Ich kenne den Geruch alter Geheimnisse, und dieser Fall roch genau danach. Der erste Tatort führte mich direkt in das Algonquin Hotel an der West 44th Street. In diesem feinen Kasten nahm im Gründungsjahr 1925 unter dem Chefredakteur Harold Ross alles seinen Anfang. Ross sammelte im Hotel das Geld für das neue Blatt und rekrutierte seine Mannschaft aus einem berüchtigten Zirkel. Die Truppe nannte sich der Vicious Circle und traf sich täglich im Hotelrestaurant zum Mittagstisch. In dieser Runde saß die furiose Dorothy Parker und zerlegte mit ihren jüdischen Witzen und ihrer messerscharfen Zunge das New Yorker Establishment. Sie hämmerte den sarkastischen Tonfall des Blattes in ihre Remington-Schreibmaschine, noch bevor die erste Ausgabe gedruckt war. Doch trotz dieser jüdischen Geburtshelferin am runden Tisch war das frühe Profil des Magazins eindeutig WASP-lastig. Das Heft blieb ein Produkt der weißen, angelsächsischen Elite für ein ebenso mondänes Publikum der Upper East Side. Für die raue, vitale Welt der jüdischen Einwanderer in der Lower East Side hatte die Redaktion zunächst kein Auge – ganz anders als bei Pulitzer. Jüdische Charaktere tauchten in den frühen humoristischen Skizzen fast nur als Karikaturen oder stark assimilierte Figuren auf. Das Magazin hielt bewusst Distanz; das war das erste klare „Off“ dieser Geschichte. Doch dann kündigte sich die Wende an – und sie war ein echter Weckruf. Im Jahr 1952 übernahm der neue Chef William Shawn das Steuer, und die Dynamik der Ermittlung änderte sich radikal. Das Magazin öffnete die Türen für eine neue, suchende Generation jüdischer Autoren. Das Heft wurde im Nu zum Epizentrum einer existenziellen, von Melancholie und Humor geprägten Welt. J.D. Salinger lieferte mit seiner Glass-Familie das emotionale Fundament für diesen neuen Sound. Isaac Bashevis Singer brachte die osteuropäische, jiddische Erzähltradition in die sterilen Redaktionsräume. Kurz darauf folgten Philip Roth und Saul Bellow mit ihrer unbändigen Energie. Das war der eigentliche Clou dieses Falls. Es war nie eine klassische, romantische Liebesgeschichte. Es war von Anfang an eine prickelnde, süchtig machende Schreibaffäre. Sie liebten sich nicht, sie brauchten sich. Das Magazin brauchte diesen jüdischen Drive, diese ungeschönte, ehrliche Dringlichkeit, um nicht an der eigenen Arroganz zu ersticken. Und die Autoren brauchten das edle Elfenbeinpapier des Blattes, um dem verstaubten Einwanderer-Ghetto zu entkommen. Es war ein gieriges Nehmen und Geben, ausgetragen auf dem Schlachtfeld der weißen Seiten. Die jüdische Identität war im Herzschlag der amerikanischen Kultur angekommen, und der New Yorker druckte jede Zeile davon. Das war die goldene Ära, ein leidenschaftliches „On“. Doch jede Affäre hat ihre Krisen. Mein Hauptindiz für die größte Entfremdung stammte aus dem Jahr 1963: der Bericht von Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess. Ihre These von der „Banalität des Bösen“ löste ein intellektuelles Erdbeben aus. Die jüdische Gemeinde reagierte mit Entsetzen und schärfster Kritik. Das Magazin geriet tief in die Schusslinie, und die Beziehung kühlte für Jahrzehnte merklich ab. Das Heft wirkte in der Folgezeit kommerzieller und glatter; viele Kritiker vermissten die literarische Wucht und Radikalität der vergangenen Tage. Am Ende der Akte stieß ich schließlich auf die Gegenwart. Seit 1998 sitzt David Remnick auf dem Chefsessel – der erste jüdische Chefredakteur in der Geschichte des Blattes. Das nervöse On-Off-Spiel ist heute vorbei und hat sich in eine feste Partnerschaft verwandelt. Autoren wie Nathan Englander, Jonathan Safran Foer oder Gary Shteyngart gehören längst fest zum Inventar. Es geht heute nicht mehr um die Frage der Zugehörigkeit, sondern um globale Identitäten, das Exil und das unendliche Erbe der weltweiten Diaspora – ein Thema, das mir als Exilanten aus Chūzestān verdammt vertraut vorkommt. Ich schloss die Akte mit einem energischen Knall, wobei sich die Sehnen auf meinen Unterarmen spannten. Mein schüchterner Freund aus Beirut blickte kurz auf, nickte mir stumm zu und senkte wieder den Kopf. Es war eine verdammt lange Reise von den edlen Salons Manhattans bis zu den staubigen Straßen des Nahen Ostens. Es war nie eine einfache Liebe auf den ersten Blick, sondern ein fast einhundert Jahre andauernder Boxkampf auf höchstem intellektuellem Niveau. Am Ende haben sich das Magazin und seine Autoren gegenseitig unsterblich gemacht. Ich löschte das Licht der Schreibtischlampe, griff nach meinem Hut und warf das schwere Sakko lässig über die Schulter. Der Fall war für mich abgeschlossen, doch nicht für den New Yorker: Das Blatt nimmt den Flirt mit seinen jüdischen Autoren gerade wieder neu auf, weil die Redaktion sich in den letzten Jahren in eine intellektuelle Sackgasse manövriert hat – und die jüdische Perspektive war schon immer wendiger als der übliche Mainstream-Einheitsbrei. Ich machte einen Schritt auf La Bionda zu, die noch immer im Halbdunkel am Rand des Tisches stand und mich schweigend aus ihren tiefen Augen ansah. Für einen flüchtigen Moment schien der Regen draußen zu verstummen, als ich ihre Wange mit den Fingerspitzen streifte und ihr einen leisen, unerwarteten Kuss auf die Lippen drückte – ein winziger Funke im kalten Tabakrauch, bevor ich mich umdrehte und die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ. Ob es ein Abschied war oder der Beginn eines ganz neuen Falls, blieb in der Dunkelheit der Kanzlei offen.